Dance
out WEF - Dafür
tanzen statt dagegen
Eine recht gutes Beispiel dafür
was passiert, wenn man aus einem naiven Weltverbesserungsglauben heraus
Texte verfasst, ist der der Aufruf zur "Tanzparade Dance
out WEF" am 14.1.2006 in der Schweiz gegen das World
Economic Forum in Davos. Da der Text etliche der Kurzschlüsse
der Antiglobalisierungsbewegung enthält, werde ich daran aufzeigen,
wie eine Kritik an den herrschenden Zuständen eben nicht aussehen
sollte. Oft werden als "links" klassifizierte Flugblätter
einfach kurz überflogen und abgenickt, "ja, stimmt doch".
Stattdessen soll hier examplarisch gezeigt werden, dass öfter
kritische Fragen gestellt und der über den Inhalt nach gedacht
werden sollte.
Der Orginaltext lässt sich nach
lesen hier
Alle markierten Zitate stammen aus diesem Text.
Stellvertretend für die Logik des Textes schon das alte Argument
in der Einleitung "der Polizeieinsatz gegen den Protest kostet
8 Millionen Franken!". Dies mag sich für unbedarft Lesende
zunächst logisch anhören,
ist aber beim genaueren nachdenken fadenscheinig. Um wessen Geld handelt
es sich hier? Es ist das des Staates, der darüber entscheidet,
ob er Ausgaben für die Sicherung des WEF oder den Bau neuer Straßen
oder andere Projekte tätigt. Die Empörung darüber ist
die des Steuerzahlers, der bestimmte Beträge lieber andersweitig
eingesetzt hätte. Das ist aber der Deal beim Prinzip Staat: Mitspracherechte
über die Verwendung von Geldern gibt es nicht. Hier zeigt sich
eine staatstreue Haltung: schlimm ist, dass Steuergelder für
die falschen Projekte ausgegeben werden.
Aber werfen wir einen Blick auf die Aussagen
des Flugblattes:
"Wir akzeptieren nicht, dass einige
wenige ohne Rücksicht auf soziale und ökologische Aspekte
und jenseits von nachhaltigen, zukunftsorientierten Grundsätzen
nur immer weiter ihre eigenen Taschen füllen."
Man kritisiert nicht die kapitalistische Vergesellschaftung sondern
nur, dass sie nach moralisch besseren Maßstäben organisiert
werden könnte.
Natürlich profitieren Eliten im Kapitalismus von ihrer Stellung,
nur sind sie eben gerade deswegen an der Macht weil sie sich im Normalfall
nicht "die eigenen Taschen füllen" (das ist
maximal ein Nebeneffekt ihrer Stellung), sondern die Belange des ganzen
Systems bestmöglich verwalten. Sonst würde das System nämlich
sehr bald nicht mehr funktionieren. Außerdem: "Füllen
sie sich die eigenen Taschen", dann sind selbige PolitikerInnen
nämlich sehr schnell nicht mehr an der Macht und jedem fällt
der "Betrug" auf – siehe beispielsweise Berliner Bankenskandal.
Es gibt in den westlichen kapitalistischen Staaten eine bürgerliche
Öffentlichkeit aus Bürgern, Medien und politischer Opposition,
die nämlich Korruption, gar nicht gut findet und betreffende
PolitikerInnen aus dem Amt jagt.
So strickt man nur den Mythos, dass die Eliten nur schlechte Arbeit
leisten aufgrund einer falschen (Profit-)Ideologie und die "nachhaltigen,
zukunftsorientierten Grundsätze(n)" nicht berücksichtigen.
"Wir fordern
eine sozial verträgliche, ökologisch nachhaltige Wirtschaft:
Eine Wirtschaft für Menschen und nicht Menschen für die
Wirtschaft. Eine Wirtschaft, welche die Menschen ernährt, ihnen
Arbeit gibt und nicht aus Profitgier Arbeitsplätze wegrationalisiert
und die verarmten Menschen ohne Zukunftsperspektiven am liebsten gerade
mit verschwinden lassen würde."
Hierin steckt ja bereits diffuse die Idee, dass eine andere Gesellschaftsordnung
als die herrschende existieren könnte. Die Vorstellung davon
ist jedoch haarsträubend: Statt einer Abschaffung der Unterdrückung
der Menschen durch den impliziten Zwang zur Verrichtung von (Lohn-)Arbeit,
fordert man wieder nur eine bessere Organisierung dieser Unterdrückung.
"Die Wirtschaft" ist ja eigentlich in Ordnung, sie wird
nur von falschen Prinzipien, nämlich "Profitgier" geleitet.
Der strukturelle Zwang der Warenproduktion, die ohne angekaufte Arbeitskraft
nicht funktioniert, wird so wieder zu einer reinen Einstellungssache
der Eliten umgelogen. Das zeigt sich auch im nächsten Absatz:
"Wir wollen
eine Politik, die es nicht nötig hat, den wenigen Reichen endgültig
alle ethischen Schranken im Wirtschaftssystem weg zu liberalisieren
und ihnen die letzten Steuern zu erlassen, um dann zwecks Stabilisierung
des Staatshaushalts bei Schulen, Spitälern, Fürsorge und
anderen für die Allgemeinheit geschaffenen Institutionen den
Sparhebel anzusetzen."
In der Vergangenheit wurde der bösartige Charakter "der
Reichen" also noch in Zaum gehalten vom guten Bollwerk Staat,
doch heute fehlt die richtige Ethik und die Gelder im Staatshaushalt
werden falsch verteilt. Bisher war also alles ganz in Ordnung, nur
jetzt, wo auch im Westen mehr und mehr negative Auswirkungen des Kapitalismus
zu spüren sind, wird es auf einmal ungemütlich.
Dies ist eine Verklärung der Vergangenheit und positive Bezugnahme
auf den Staat: man drängt darauf, dass die "richtigen"
staatlichen Einrichtungen Gelder bekommen. Dass genau diese Einrichtungen
eben auch nur der Zurichtung des Subjekts für den Kapitalismus
dienen, wird außer acht gelassen: in Schulen werden die Arbeitsdrohnen
von morgen herangezüchtet, "Fürsorge" kümmert
sich um die potentiell gefährlichen Klassen und bindet sie mit
Sozialtransfers an den Leistungsgeber.
Der Staat wird so zu einem neutralen Instrument, dass gesammelte Gelder
verteilt; er ist eine gute Sache aber in den Händen der falschen
Leute. Diese Sichtweise übersieht, dass der Staat selbst ein
Instrument zur Festigung der bürgerlichen Herrschaft ist. Auch
in der Hand der "richtigen Leute" würde sich wenig
daran ändern, dass der Staat in erster Linie dazu da ist, die
effektiven Rahmenbedingungen zur Produktion von Waren zu stellen.
"Denn wenn diese
Entwicklung so weiter geht, wenn sich einmal der grösste Teil
der Bevölkerung als Verlierer dieser politisch unkontrollierbar
gewordenen Entwicklung sieht, wird ich die Angst und - dadurch ausgelöst
- der Egoismus und die Gleichgültigkeit in der Gesellschaft so
weit zuspitzen, dass nicht nur ein paar Autos angezündet werden,
sondern sich der Flächenbrand ausweitet und nur noch durch totalitäre,
gewaltsame Massnahmen („Big Brother“, Polizei-/ Militäreinsatz)
oder einem riesigen Aufgebot an Psychiatern im Griff gehalten werden
kann, und unser Wirtschaftssystem wird endgültig an der ruinierten
Gesellschaft erliegen."
Wenn die sozial Deklassierten – wie in französischen Vorstädten
im November 2005 – Autos anzünden, dann haben sie handfeste materielle
Gründe und handeln nicht aus Egoismus oder Gleichgültigkeit.
Hier wird ein Untergangsszenario der bürgerlichen Gesellschaft
beschworen, das man verhindern möchte (ob ein paar angezündetet
Autos dies gleich bedeuten, ist eine andere Frage). Man will den Kapitalismus
retten und das Schlimmste wäre ein auseinanderdriften der Gesellschaft.
Statt auf direkte staatliche Gewaltausübung setzt man auf Klassenkompromiß,
der die Leute ruhigstellen soll. Ebenso soll "die Gesellschaft"
für den funktionierenden Produktionsprozess verantwortlich sein.
Man versteht nicht, dass die Individuen gezwungen sind, ihre Arbeitskraft
an die Produzenten zu verkaufen sondern schiebt ihnen noch die Schuld
zu, sollte die Wirtschaft dann nicht reibungslos funktionieren.
Besonders unappetitlich dabei ist die Affirmation des warenproduzierenden
Systems als "unser Wirtschaftssystem". Welches "unser"
soll das sein? Das der Nation, in diesem Fall der Schweiz? Eigentlich
sollte man froh sein, wenn die kapitalistische Vergesellschaftung
zugrunde geht und sich nicht noch an "unsere Wirtschaft"
klammern.
"Wir wollen
ein WEF, bei dem die direkt Betroffenen zu Wort kommen: Versklavte
Kinder, Naturvölker, deren Lebensraum durch wirtschaftliche Interessen
zerstört und geplündert wird, Bauern, deren Existenzgrundlage
zugunsten der Weltmarktliberalisierung vernichtet wird, Opfer von
Umweltkatastrophen und Kriegen und vor Allem von Experten, welche
nicht von Eigeninteressen der Wirtschaftsmächte abhängig
sind."
Statt auszusprechen, dass Kapitalismus alle Individuen unterdrückt
und man selbst betroffen ist, wird klassische Stellvertreterinnenpolitik
betrieben: nicht um einen selbst geht es, man setzt sich für
imaginierte (Kollektiv-)Subjekte ein und behauptet, deren Interessen
vorzubringen. Damit reproduziert man genau das, was man dem WEF vorwirft.
Die benannten Subjekte dienen nur als Leinwand für die eigene
Projektion: die armen Unterdrückten. Selbst gefragt hat man sie
nicht, sie existieren nur in der eigenen Phantasie.
Ein positiver Bezug auf imaginierte"Naturvölker" sollte
sich erübrigen: emanzipatorische Politik sollte nicht Menschen
zum Zwangskollektiv "Volk" zusammenschließen und schon
gar nicht den Mythos von "edeln, unberührten Wilden"
nähren. Die zapatistische Bewegung in Chiapas/Mexiko kämpft
als Beispiel emanzipatorischer Praxis eben auch gegen unterdrückerische
Elemente in der indigenen Gesellschaft.
Prinzipiell ist alleine schon die Idee, dass auf dem WEF "direkt
Betroffene" zu Wort kommen sollten absurd. Es müßte
einem um die Abschaffung von Krieg, Hunger und anderem kapitalistischen
Elend gehen; die Tatsache dass fortwährend Opfer produziert werden
und nicht darum, selbigen hinterher einen Platz in einem Gesprächsforum
einzuräumen. Das ist zynisch, naiv dagegen ist es zu glauben,
dass das sozialarbeiterische "darüber reden" irgendetwas
zur Problemlösung beitrüge. Die Einbindung von kritischen
Stimmen ist eine Strategie um Protest ruhig zu stellen und den Mythos
des liberalen Meinungspluralismus zu bedienen.
"Wir alle können
etwas ändern! Wir können Begehren und Konsumdenken nicht
einfach abschaffen. Sehr wohl aber können wir die Menschen sensibilisieren
und ein neues Bewusstsein schaffen, das Fair-Trade und lokale Produktion
fördert und Güter der internationalen Grosskonzerne soweit
als möglich boykottiert. Wir versuchen dies mit Musik und Tanz,
mit einem kollektiven Erlebnis, das mit wenigen Mitteln vielen Leuten
Freude bereiten soll, ohne anderen zu schaden. Eine Strassenparty,
bei der nicht sinnlos konsumiert wird, sondern bei der politische
Inhalte und soziale, nachhaltige Grundsätze vermittelt werden."
Hier äußert sich eine protestantische Ethik: Du musst verzichten!
Wir dürfen nicht konsumieren! Konsum von Gütern ist nichs
dass man sich aussuchen kann, sondern Zwang, es gibt kein außen
zur kapitalistischen Totalität. Völlig irrsinnig ist es
anzunehmen, es gäbe einen "guten" Konsum. Der Kauf
von Gütern wird zu einer moralischen Angelegenheit verklärt,
das Individuum soll Schuld sein an den Problemen des Kapitalismus
und nicht dessen Wirtschaftsweise. Auch fair-trade Kaffee wird unter
der Auspressung von Lohnarbeit hergestellt und muss vom Endkunden
mit Geld bezahlt werden. Würden alle internationalen Großkonzerne
mit einem Schlag bankrott gehen, so würden morgen Fair-Trade
Unternehmen deren Rolle einnehmen und die kapitalistische Warenproduktion
sichern.
Auch diese sind Wirtschaftsunternehmen und können sich nicht
der Warenlogik entziehen. Und selbst ein Kapitalismus ohne Monopole
wäre keine Wohltätigkeitsveranstaltung. Statt die kapitalistische
Produktionsweise zu thematisieren gibt man sich als moralische Aufklärer,
die guten statt schlechten Konsum predigen und einen ethisch-korrekten
Katechismus für einen "besseren" Kapitalismus vorlegen
wollen.
"Bis jetzt sind
unsere Anlässe immer friedlich und ohne Vandalismus verlaufen.
Da wir unser Parade auch diesmal wieder mit dem gleichen Demoschutzkonzept
planen und da die Gespräche mit der Polizei sehr konstruktiv
verlaufen sind, sind wir überzeugt, auch diesmal wieder eine
friedliche und vielseitige Parade durchführen zu können."
Das alte Märchen von den Krawallchaoten, die urplötzlich
anfangen zu randalieren und Eigentum von guten Bürgern kaputthauen.
Das kann natürlich nicht angehen und so wird als Schutz der Demonstration
vor möglichen Demonstranten mit der Polizei kollaboriert.
Na dann, kann ja nichts schiefgehen, mit dem Protest gegen das WEF!
Fazit
Wie an den Zitaten aufgezeigt basiert diese Kritik anstatt auf einer
Analyse der ökonomischen Verhältnisse auf einer moralischen
Ethik. Man hat keine durchdachten Begriff des Kapitalismus, sondern
schustert sich aus seinem Alltagsverstand heraus Erklärungen
zusammen, die wenig mit der Realität zu tun haben. Statt Kritik
am Staat wird dieser als neutrale Instanz gesehen. Statt genereller
Kritik an der Warenproduktion werden ausschließlich einige Auswüchse
angeprangert. Der Schuldige ist auch ausgemacht: Reiche, die aufgrund
der falschen Einstellungen die jetztige Misere verursacht haben. Statt
Kritik an den Verhältnisse zu üben, affirmiert man diese.
lfo demon 8.1.2006