The ballad of Tally Weijl oder Adbusting als symbolischer EhrenmordEcke Danziger Straße / Lychner Straße in Berlin stand Anfang März 2006 ein Baugerüst an einer Hausfassade. Dieses war behängt mit einer riesigen Reklamefläche der Bekleidungsfirma Tally Weijl, auf der ein weibliches Model in aufreizender Pose und ein lebensgroßer rosa Hase abgebildet sind. „Sex sells“ könnte man meinen und das Plakat Sekunden später vergessen haben. Allerdings nicht mehr nach der Aktion einiger unbekannter TäterInnen, denn nach kurzer Zeit wies das Plakat 3 Löcher auf und war mit Farbe beschmiert. Letztenendes reagierte die Firma darauf und liess die Löcher mit Blumen überkleben, ebenso wurde eine Strafanzeige gegen unbekannt gestellt. Die Technik der (Sinn-)Veränderung von Werbetafeln wird allgemein als Culture Jamming bzw. konkret „Subvertising“ bezeichnet. Ziel dabei ist es durch Entfremdung des ursprünglichen Bildzusammenhanges die Botschaft einer Werbekampagne in seinem Sinne umzugestalten. Allerdings werden diese Techniken teils selbst von der Werbebranche aufgegriffen; zum anderen sind die meisten Beispiele für AdBusting weder besonders orginell noch theoretisch fundiert. Die Hautpvertreter um Kalle Lasn und sein „AdBusters“ Magazin fielen des öfteren durch unverblümten Antisemitismus auf: so warteten sie im April 2004 mit der Entdeckung auf, dass die Hälfte aller Neokonservativen in den USA Juden seien und das doch endlich mal gesagt werden müsse. In ähnlich ideologischer Tradition dürften die Personen stehen, die das Tally Weijl Plakat verunstalteten. Was mit der Bildsprache verändert wurde, ist bezeichnend für die dahinterstehenden Vorstellungen. Das Poster weist 3 Löcher auf, die mit roter Farbe blutgetränkt und unschwer als Einschüsse zu erkennen sind. Eines im Kopf des Models, eines in ihrem Genitalbereich, ein weiteres im Kopf des Hasen. Die Idee dahinter ist augenfällig: Hier werden symbolisch Hinrichtungsphantasien ausgelebt. Dabei gibt es einige Paralellen zu patriarchalen Ehrenmorden, wie dem an Hatun Sürücü am 7.2.2005 in Berlin. Hier entlädt sich der rasende Zorn mit seinen krankhaften Vernichtungsphantasien an einer, die gegen die Moralvorstellungen des Kollektivs verstößt. Sie muss mit ihrem Leben für ihre Verfehlungen bezahlen. Archaische Rachevorstellungen mischen sich mit dem Hass auf die Freizügigkeiten der Moderne: dass Sie selbst entscheidet, wie Sie sich kleidet; dass Sie begehrenswert sein möchte. Die Strafe ist die physische Vernichtung: Sie und ihr vermeintlicher
Liebhaber werden per Kopfschuss hingerichtet, so wie Hatun Sürücü
mit mehreren Kopfschüssen hingerichtet wurde. Nicht, dass der Wahn keinen Funken Rationalität besäße.
Das Individuum hat allen Grund wütend zu sein: auf die warenproduzierende
Gesellschaft, die kulturindustrielle Erzeugnisse mit ihren Glücksversprechen
hervorbringt, das Individuum jedoch fortwährend um dieses betrügt.
Statt jedoch die Verwirklichung dieses Glücks einzufordern, entscheiden
sich zunehmend mehr Menschen für den Hass auf die alleinige Verheißung
von Freiheit. Statt das Glück jedes und jeder Einzelnen zu ermöglichen,
wird das Individuum dem unerbittlichen Zwang des Kollektivs, der Herrschaft
des Rackets unterworfen. So ist das Resultat in beiden Fällen für die einzelne Frau
dasselbe: über ihre Sexualität bestimmt das Kollektiv. Jeder
Versuch des Ausbruchs, der Verwirklichung sexueller Emanzipation,
wird damit als Widerstand gegen den Herrschaftsanspruch des Rackets
verstanden und geahndet. Nun soll hier der Damenausstatter Tally Weijl sicher nicht als menschenfreundlicher Vorkämpfer für Frauenrechte verklärt werden. Er hat handfeste ökonomische Motive für die Anzeige, möchte seine Produkte absetzen. Die Gleichheit die dadurch verwirklicht wird, ist die des Marktes: alle Individuen sind letztenendes als KonsumentInnen gleich (allenfalls gibt es noch relative Einkommensunterschiede zwischen ihnen). Das dies keine weitergehende Befreiung des Indidviduums mit sich bringt, ist eine Binsenweisheit. Nur ist dieses Prinzip des Marktes im Zweifelsfall den archaischen Stammeskonzeptionen linker und islamistischer Rackets vorzuziehen. Oder wie Andrea Albertini es ausdrückte: Fanta statt Fatwa.
lfodemon Ein Photo des Plakats und eine Diskussion zu diesem Text gibt es hier |