Nur noch Hass für dein Bierzelt übrig.

Ganz großartig - endlich ist dieser Sound da angekommen, wo er nie hinwollte. Party, Party und nochmals Party.
Viel "Spaß" damit weiterhin, das Bierzelt läßt grüßen. Alle Geschichte ist beseitigt, jeglicher Hinweis, dass es streckenweise um mehr ging als um stumpfsinniges Amusement. Dass mit dem Sound auch einmal Inhalte verbunden waren, wird aus dem kollektiven Gedächtnis gelöscht. Man hat es geschafft das Ganze in eine Musik für Dorfdisco-DJ´s zu verwandeln. Es geht nur noch darum "die dicken Platten" zu haben und die maximale Menge an Dummbeuteln zum tanzen zu bringen. Wer und was hinter den Veröffentlichungen steht, spielt keine Rolle. Gleichzeitig sind Liveacts die neuen Stand-up-Comedians. Spaß muss es machen und wer das beste Clownskostüm an hat, hat gewonnen. Hier marschiert die Partei von Stefan Raab. Going Comedycore.

Wie immer gilt auch hier: die guten, alten Zeiten waren niemals wirklich gut. Auch früher war Sound kein Refugium, in dem die Gesetze des Marktes nicht galten. Stillstand ist keine Option und ein Schwelgen in Nostalgie erst recht nicht. Aber zumindest gab es im Vergleich zu heute noch vor 3 Jahren eine größere Vielfalt von verschiedenen Stilen unter dem Sammelbegriff "Breakcore". Inzwischen bezeichnet dieser Begriff einen eindeutig definierten Sound. Und die Mehrheit der Teilnehmenden bestimmt, was darunter zu verstehen ist: nämlich Raveclownerie der Extraidiotenklasse. Insofern ist das "B"-Word nichts, was man noch freiwillig in den Mund nehmen, geschweige denn damit in Verbindung gebracht werden möchte.
Um klar zu machen worum es geht: Ich bin auch schon mit einer Skibrille auf einer Bühne gestanden. Der Punkt ist nicht, dass man generell keine Albernheiten machen sollte oder die Anti-Spaß-Polizei hier alles verbieten will. Das Problem ist, dass eine ziemlich ekelhafte Auffassung von "Spaß" ein Mehrheitsphänomen geworden, das alle anderen Inhalte, Emotionen und Ideen verdrängt.

Alles was nicht ins Konzept des glattgebügelten Discosounds passt, wird ausgemerzt; auf Platten und auf Parties. Acts, die sich nicht ins gängige Muster fügen, spielen maximal noch als Hintergrundbeschallung zu Beginn einer Veranstaltung. Man hat Angst, sie würden den Verlauf einer Veranstaltung stören.
Jegliche Dissidenz, die einmal in dem Sound angelegt war, wird eliminiert. Statt zum Aufbrechen von Strukturen mit Noise und Kollagentechnik, benutzt man diese Elemente als Werbung auf dem Jahrmarkt des Betrugs: "Komm ´se rinn, soviel Krach ham ´se noch nie gehört." Das ist natürlich Unfug, denn der Sound heute ist ein müder Nachhall seines früheren Selbsts. Die einstigen Tools der Subversion werden benutzt, um billige Plastikmusik aufzumotzen: pimp my Kindergartentechno. Hier soll niemand mehr nachdenken müssen und seinen Hirnapparat mit komplexen Gedankengängen sperriger Kunst strapazieren, hier wird schließlich geravt, und Spaß muss wehtun.

Es geht nicht um einen individuellen Ausdruck, die Schaffung von etwas Neuem oder sonstigem Humanistengedusel. Man ist sich seiner Rolle vollauf bewußt: als Erzeuger der Ware Kultur, die einen Käufer finden muss. Die Verwertungkrtierien gelten einem als Naturgegebenheit: was sich verkaufen soll, muss einem imaginierten Konsumentenwunsch untergeordnet werden. So entwirft man einen Musterschnitt, der auf dem Tanzboden und in Verkaufszahlen funktionieren muss, und produziert diesen in einer Endlosschleife wieder und wieder. Am besten dann noch auf das, was garantiert zu 100% keimfrei ist, ein pseudo-rebellisches Image draufgepappt - das kommt gut an bei den Kids, der Rockcircus macht dieses Prinzip ja vor seit Jahrzehnten. Willkommen in der Produktion des Massenbetrug.

Und der drückt sich auch in dem Niveau des Sounds aus: Der alleinige Bezug auf bereits Bekanntes sichert eine störungsfreie Verwertung. Es wird sinnlos Zitat an Zitat gereiht. Stumpfsinnig sampled man sich durch die Popgeschichte ohne jemals zu reflektieren, was man da eigentlich gerade benutzt. So wie Stefan Raab aus dem Kontext gerissene Situationen präsentiert, und das Publikum auf Kommando lachen muss, so muss der Konsument die Tracks rezipieren. Die Reaktion ist im Produkt vorgezeichnet.
Doch werden "neue" Tracks immer schneller uninteressant, also müssen unberührte Samplequellen erschlossen und ausgebeutet werden, um die gequälte Langeweile zu übertönen. Dem Ersten winkt der Ruhm als Entdecker, die Zuspätgekommenen müssen sich mit dem Rest des Rudels um die Überreste des Kadavers balgen. Dann aber schnell weiter, schließlich muss man ja am Ball bleiben, denn alles will neu, neuer, am neuesten sein, auch wenn man nur alte Kotze anders deklariert. Diese Nummer stinkt, aber wo Bierseeligkeit und Euronoten in den Köpfen spuken, sieht man gerne darüber hinweg.

"Fun ist ein Stahlbad. Die Vergnügungsindustrie verordnet es unablässig. Lachen in ihr wird zum Instrument des Betrugs am Glück."
Theodor W. Adorno / Max Horkheimer - Kulturindustrie

Weil der Sound bekannter wird, sind auf einmal 1000 Schmeißfliegen am Start, die bei dieser "neuen, tollen und unbekannten" Musik mitmischen wollen. Und die, die schon immer darauf gewartet haben, sehen nun endlich die Jahre harter Arbeit ausbezahlt und ihre Superstarkarriere anbrechen. Ich muss Euch leider enttäuschen, denn falls Ihr es noch nicht gemerkt habt: mit ausschließlich geklauter Musik lässt sich nicht das dicke Geld verdienen. Außerdem sind die meisten von Euch Nerds zu unappetitlich und/ oder alt, um jemals Teeniestars werden zu können. In einem anderen Kontext hat das weder mit DJ Paul noch Marc Arcadipane geklappt. Aber es mag ja für den einen oder anderen erstrebenswert erscheinen, als abgehalfterter Ex-Comedystar durch die Bierzelte dieses Planeten zu tingeln.

Diese simple Banalität wird ignoriert, wenn Ruhm, Bitches und Money als funkelnde Fassade am Horizont glitzern. Dafür verleugnet man auch den Rest seiner nicht-vorhandenen Persönlichkeit und schleimt sich bei jedem ein, der einem noch nützlich sein könnte auf dem Weg nach oben. Bloß nichts falsches sagen oder eine eigene Meinung haben, man könnte es sich ja mit einer potentiellen Chance verscherzen und die eigene Zukunft verbauen! Hier verhält man sich in vorauseilendem Gehorsam genau so, wie es der postfordistische Kapitalismus vom Individuum erwartet: werde der Agent deiner eigenen Arbeitskraft, verkaufe dich selbst bestmöglich. Sozialkontakte sind dafür essentiell; sie formen das Netz, aus dem sich Karrierechancen ergeben. Das haben die Individuen auch schon begriffen und so wird fleißig gearbeitet, zu jeder Zeit und überall. Jeder neue Kontakt wird so zu einer Jobmöglichkeit, jede Party zu einer möglichen Lohnerhöhung, jedes neue Release zu einer Beförderung.
Die Selbstinszinierung als schillernde Künstlerpersönlichkeit ist die Strategie dabei, um Produzent und Ware in einer Person bestmöglich anzupreisen. Das ist so dumm wie konformistisch zugleich. Der falsche Schein zersetzt das Bewußtsein.

In spätestens 2 Jahren will niemand mehr euren Schrott hören, eure billige Kirmesmusik. Aber Ihr werdet sicher weiterhin einen neuen Sound finden, den man den Kids als "cool und in" andrehen kann, eure belanglose Scheisse weiterhin als "das große Ding" verkaufen. Oh, Grime ist jetzt das Ding? Gleich mal ein neues Projekt starten, schließlich phantasiert man sich selbst ja als "professionellen Producer", der alle Bedürfnisse der Konsumenten mit seiner Riesenlatte befriedigen kann. Peniswahn und gnadenlose Selbstüberschätzung – wahrscheinlich braucht man die illustre Persönlichkeit eines hochgradig kokainabhängigen Elefantenmensches, um diesen Film zu fahren.

So bleibt mir nur die Hoffnung, dass all die Idioten das Spielfeld irgendwann wechseln, weil nichts mehr zu holen ist, ihnen die Lust vergangen ist oder irgendwo ein neuer Goldrausch ausgebrochen ist. Tut mir einen Gefallen und verreckt. Ich pisse auf euer Grab.

"Pretty people with smiling faces / dancing happy basket cases / ecstatic not to comprehend / depression that will never end"
Doom – "Keep it angry"

lfo demon, Berlin 17.8.2005


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