Ex-Punks for Capitalism Part 1: Jello BiafraLetztens hatte ich in London live gespielt und den Aufenthalt zum Streifzug durch diverse Second Hand- Plattenläden genutzt. Bei "Music and Video Exchange" in Camden Town fand ich 2 Jello Biafra SpokenWord-Alben, "No more cocoons" und "Beyond the valley of the gift police". Aus Nostalgie, schließlich sind DeadKennedys eine prägende Erfahrung in meiner Jugend gewesen, musste ich die Platten haben. Für alle, die nicht wissen um wen es geht: Jello Biafra (bürgerlich Eric Boucher), war Sänger der Dead Kennedys von 1978 bis 1986, einer der einflußreichsten politischen US-Punkbands. Nach dem Ende der DK startete er zahlreiche Projekte mit unterschiedlichen Musikern zusammen wie NOMEANSNO, D.O.A., MOJO NIXON, ICE-T, den MELVINS oder LARD. Ebenso veröffentlichte
er etliche Spoken Words Platten mit den M Systemkritik, die keine ist: Biafra´s MärchenstundeBiafra´s Hauptgeschäft ist die Kommentierung der Regierungspolitik. Dazu nimmt er aktuelle, tagespolitische Ereignisse und nimmt diese auseinander. Seine politischen Aussagen sind als "Humor" deklariert und zielen auf Lacher im Publikum ab, am ehesten ist das ganze also der Kategorie "politische Stand-up-Comedy" zuzurechnen. Auf deutsch würde man seine Hauptstoßrichtung wohl "Politikerschelte" nennen In erster Linie geht es gegen die Politik des Präsidenten der USA. 1987 war Reagan die Zielscheibe, 1994 dann Clinton und Bush sen., 2002 George W. Bush. Laut Biafra ist nicht der Kapitalismus schuld an der Misere, es ist nur das falsche Führungspersonal an der Macht; man wünscht sich "Noam Chomsky als Außenminister und Ralph Nader als Wirtschaftsminister" (Jello Biafra 1994 – "Message to our sponsor") und alles wird gut. Biafra bauscht diverse alltägliche Ungerechtigkeiten oder das was man dafür hält, auf. Er regt sich über Mißstände auf – eine plausible Erklärung warum das ganze so ist, hat er dagegen nicht, bis auf die Moral: korrupte oder unfähige Politiker und geldgeile Geschäftsleute: "...isn´t it interesting that a lot of these corporate people.... money does to them what crack does to other people" (Jello Biafra 2002 - "The rolling blackout revue"). Eine klassische moralisierende Kritik, die die Probleme der kapitalistischen Vergesellschaftung auf das Fehlverhalten von einigen Mitgliedern der Eliten reduziert. Biafra will den Kapitalismus nicht abschaffen, ihn stören nur konkrete Mißstände, die den falschen Leuten in einflußreichen Positionen geschuldet sind. Bei ihm ist immer nur das konkrete zu finden, niemals das allgemeine. Die abstrakte Herrschaft des Kapitals ist er unfähig zu begreifen und so werden nur allgemeine Klischees der "Dummheit der Politiker" wiederholt und wiederholt und wiederholt. Seine Basis ist
ein linksliberaler Patriotismus, der genau auf der Linie eines Michael
Moore liegtt: Die Regierung würde nicht die Interessen des Volkes
vertreten. Stattdessen seien die Linksliberalen die "wahren Patrioten:
"Don´t believe the hype – we are patriotic citizens, too."
(Jello Biafra 2002: "Be patriotic – fight the government"). Skipt man
durch seine Platten der verschiedenen Jahrzehnte, so erzählt Biafra
immer das Gleiche: Er ist besorgt, dass die liberalen Freiheitsrechte
der USA eingeschränkt werden durch einen übermächtigen Staat, die
religiöse Rechte, die Macht der Großkonzerne. So liegt er mit seiner
Kritik auf der gleichen populistischen Linie wie Michael Moore ; wenn
er beispielsweise in "What Reagan didn´t know" (1987) einige von
dessen Peinlichkeiten aufzählt, u.a. dass er sich auf einer
Brasilienreise in Bolivien wähnte. Doch was soll das beweisen? Außer
der Dummheit / Unfähigkeit des Führungspersonals ist mit dieser Form
von Kritik nichts zu holen, Biafra und Moore hechelt immer den
Journalisten hinterher, doch diese sind zumeist näher an den aktuellen
Skandalen dran. Ändern tut sich dadurch nichts, außer dass eine
ständige Empörung aufrechterhalten und dem Publikum verkauft werden
muss. Vom Punkagitator zum grünen Politiker
Leider verschwinden die abgedrehten Elemente im Laufe der Jahre zusehends. Während 1987 wenigstens an einigen Stellen der wilde Humor des Punk durchkommt, wird es 1994 schon wesentlich langweiliger. 2002 ist Biafra dann auf dem Niveau eines moralinsaurer Zeigefingerhebers angekommen, der von einer besseren Welt schwafelt. Ertragbar bleibt das ganze nur an den Stellen, wenn er von seiner Prediger-Rethorik abweicht und wie in "Joey Ramone" (2002) Geschichten aus seiner Jugend auffährt. Ich musste natürlich rausfinden wie seine Entwicklung weiterging, also gleich mal sein letztes Alben runtergeladen, und – wer hätte das gedacht – HORROR! Auf dem Album von 2002 "Machine Gun in the Clowns Hand" ist nahezu jeglicher anarchische Humor verschwunden. Biafra betet die plattesten Mythen von Teilen der Antiglobalisierungsbewegung runter: Bush und der "War on Zerror" sind schlimm und man solle doch bitte wählen gehen und zwar den Kandidaten Ralph Nader. Und Freunden aus Übersee möge man doch bitte "let ´em know how important it is to keep the pressure on their leaders not to following King George II in a desaster in Iraq...urge people in other countries to save America from America and the rest of the world as well." Und jetzt alle zusammen: gegen die USA! Über solche Unterstützung gegen den 3.Golfkrieg haben sich Chirac/ Schröder sicherlich gefreut. Dieser platte Anti-Imperialismus ohne jeglich Analyse ist weder unterhaltend noch lustig – sondern nur kreuzdämlich und ärgerlich zugleich. Genauso wie
Biafra´s Aussagen auf den Konzerten in Deutschland, wo er für die
Wiederwahl Schröders plädierte, weil der ja weniger schlimm sei als
Angela Merkel (JungleWorld 27/2005). Das kleinere Übel wählen - das
ist nun wirklich das überdämlichste überhaupt. Manche raffen es
wirklich nie. Hier wird wirklich jegliches Niveau unterschritten und
ein Idol meiner Jugend demontiert sich selbst. Traurig, traurig. Mit
"Punk" hat das nun nicht mehr im geringsten etwas zu tun. Da passt es
nur ins Bild, dass Biafra im Jahr 2000 als Präsidentschaftskandidat
der amerikanischen "Green Party" nominiert war (letzenendes setzte
sich Ralph Nader als Kandidat durch). Ich bin die Guten, die Majorlabels sind böse.Die eigene Rolle wird von Biafra unzureichend reflektiert. Er selbst ist Teil der Kulturindustrie, und stellt ein Produkt (Tonträger / Event), das bestimmten Verwertungsbedingungen gehochen muss und verkauft werden will. Dazu braucht er als Künstler ein Image, dass ihm sein Publikum abnimmt. Und das stellt er durch seine Auftritte her: der aufrechte Ex-Punk und Kämpfer gegen Korruption und Ungerechtigkeit. Er sieht zwar generelle das Dilemma, als Künstler Teil des "Entertainment"-Sektors zu sein, meint aber ein "Infotainment" zu betreiben. Dieses beschreibt er als: "Infotainment bedeutet, Inhalte zu vermitteln, die ansonsten im ganzen Land unterschlagen werden ... ,wobei die Musik nur als eine Art geräuschhafte Gleitcreme benutzt wird, diese Inhalte möglichst schmackhaft rüberzubringen." (Büsser 1998, S.139) Dass das Ganze in etwa so emanzipatorisch ist, wie das Abendprogramm von Pro7 und Sat1, dürfte offensichtlich sein. Statt zu begreifen, dass er ein Teil der Kulturindustrie ist wie alle Kunstschaffenden, wähnt er sich als Außenstehender, der unzensierte Informationen an die verblendeten Massen liefert, während ausschließlich Majorlabels Teil des Systems seien. Dass "Underground" und "Mainstream" nur zwei Seiten der gleichen Medaille sind und letztenendes der "Underground" auch nur seine Produkte verkaufen will, wird dabei übersehen. "Underground" braucht immer das rebellische Image als Reklame und wandelt dabei gleichzeitig noch sozialen Protest in ein unschädliches Unterhaltungsprodukt um – letztenendes gleichen die Produktionsverhältnisse bei "alternativen" Labels denen bei Majorlabels. Streckenweise
blitzt bei ihm eine Ahnung auf, dass es mit Subversion in der Popmusik
doch nicht so einfach sein könnte. Biafra formuliert eine Kritik an
Punkrock, denn Punk sei eine maßgeschneiderte Subkultur für
Jugendliche der weißen Mittelklasse, die sich selbst marginalisierten,
während die wirklich sozial Ausgegrenzten davon nie angesprochen
worden seien. Diese hörten HipHop, der in der Punkszene insbesondere
von Punkfanzines wie dem Maximum Rock´n Roll abgelehnt wird (Büsser
1998, S.140)[i].
Gegen diese Ignoranz von Seiten der Punks nimmt Biafra sogar die
Veröffentlichung von Rappern auf Majorlabeln in Schutz. Stringent
begründen, warum es denn für ICE-T legitim sei auf einem Major zu
veröffentlichen, für "langhaarige, apolitische PEARL JAM –
Schrammler" (Büsser 1998, S.140)[ii]
jedoch nicht, kann er nicht. Stattdessen drischt er im gleichen
Interview zwei Fragen später lieber weiter munter auf die bösen
Majorlabels ein. Wo da die Logik bleibt, weiß nur Biafra alleine. Dem Publikum die eigene Meinung verkaufenDabei ist Jello Biafra Fernsehpredigern näher, als er das gerne wahrhaben möchte. Auch er bedient sich Massenmedien, versucht so viele Menschen wie möglich zu beeinflußen und hat eine Agenda, die er den Leuten verkauft - und die zudem protestantisch inspiriert ist: "Die Maßlosigkeit von Politikern und Konzernboßen ist für die Verdarbtheit der Welt verantwortlich und wir müssen etwas zum positiven ändern." Und das wird dem Publikum gnadenlos ins Hirn gedroschen. Biafra steht auf der Bühne, redet auf die passiven ZuhörerInnen ein und versucht durch seine humoristisch aufgewerteten Scheinfakten Leute für seine Meinung zu gewinnen. Das hat recht wenig mit Aufklärung der Massen zu tun, die er vorgibt zu betreiben, eher mit einer Verkaufspredigt: Die vermeintliche Wahrheit als handliches Produkt zwischen Humor und Polemik zu vermarkten. Diese Nummer
scheint anzukommen beim Publikum, denn er wird von Teilen der
Punkrockszene immer noch als Star gefeiert. Besonders Deutsche dürfen
sich darüber freuen, können sie doch ihrem Antiamerikanismus freien
Lauf lassen, wenn ein Alibi-Ami über die USA vom Leder zieht. So sind
frenetische Verklärungen siner Platten wie im Ox Fanzine wohl eher die
Regel: "... so muss man einfach sagen, dass Biafra ein extrem
gebildeter, schlauer, scharf analysierender Intellektueller ist, der
sich ein unglaubliches Wissen über die Politik der US-Regierung im In-
wie im Ausland angelesen hat."[iii]
Unter den Blinden ist der Einäugige bekanntermaßen König. Das
runterbeten von klassischen antiamerikanischen Ressentiments wird zur
"Analyse" und das zusammenklauben eines Halbwissens aus
Zeitungsartikeln zu "Bildung" verklärt. Gute Nacht! Alternative Tentacles: Rechts? Links? Egal.Ebenso fragwürdig wie Biafras Aussagen ist das Programm von seines Labels Alternative Tentacles. Neben Releases von Punkbands werden in jüngster Zeit auch verstärkt Hörbücher und Spoken Word-Alben veröffentlicht. Und hier tummeln sich allerlei Namen von AutorInnen, die den offenen Schulterschluß mit Rechtsextremen praktizieren: Norman Finkelstein, dem alle Antisemiten dieser Erde die These der "Holocaust"-Industrie verdanken; Noam Chomsky, der sich tatkräftig für Holocaustleugner einsetzt und die Autorin Arundhati Roy, die nicht nur ein Herz für Selbstmordattentäter hat (und dafür mit etlichen Buchpreisen ausgezeichnet wurde), sondern auch mal der rechtsextremen Zeitung "Junge Freiheit" ein Interview gibt. Das ist genau das penetrante Klientel an "FriedensfreundInnen", die nur auf die nächste Gelegenheit geifern, um zusammen mit Nazis und Islamisten in den Jihad gegen die USA zu ziehen. Wer stattdessen eine Welt ohne Hassverbrechen möchte, sollte sich nach anderer Unterhaltung umschauen.
lfo demon, Berlin 28.8.05 Verwendete Medien: Martin Büsser (1998): "Besser, du redest mit Half Japanese." Im Gespräch mit Jello Biafra. In: Martin Büsser: Antipop. Dreieck Verlag, Mainz "Punk-Nostalgie macht mich krank". Interview von Markus Ströhlein. In: Jungle World 27/2005
Jello Biafra (1987):
"No more Cocoons"
Jello Biafra (1994): "Beyond the Valley of the Gift Police"
Jello Biafra (2002): "Machine Gun in the Clowns Hand"
[i] Zumindest für die Punkszene in Deutschland stimmt das nicht ganz, als Gegenbeispiel darf hier das damals einflußreichste Punkfanzine ZAP gelten, dass ab 1992 angefangen hatte HipHop massiv zu pushen mit Rappern wie ICE-T oder ANARCHIST ACADEMY. [ii] Zumindest für die Punkszene in Deutschland stimmt das nicht ganz, als Gegenbeispiel darf hier das damals einflußreichste Punkfanzine ZAP gelten, dass ab 1992 angefangen hatte HipHop massiv zu pushen mit Rappern wie ICE-T oder ANARCHIST ACADEMY. [iii] Joachim Hiller, Herausgeber des Ox Fanzine#50 im Review zu Jello Biafra – "Machine Gun In The Clown's Hand"
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