Ex-Punks for Capitalism Part 1:  Jello Biafra

Letztens hatte ich in London live gespielt und den Aufenthalt zum Streifzug durch  diverse Second Hand- Plattenläden genutzt. Bei "Music and Video Exchange" in Camden Town fand ich 2 Jello Biafra SpokenWord-Alben, "No more cocoons" und "Beyond the valley of the gift police". Aus Nostalgie, schließlich sind DeadKennedys eine prägende Erfahrung in meiner Jugend gewesen, musste ich die Platten haben.

Für alle, die nicht wissen um wen es geht: Jello Biafra (bürgerlich Eric Boucher), war Sänger der Dead Kennedys von 1978 bis 1986, einer der einflußreichsten politischen US-Punkbands. Nach dem Ende der DK startete er zahlreiche Projekte mit unterschiedlichen Musikern zusammen wie NOMEANSNO, D.O.A., MOJO NIXON, ICE-T, den MELVINS oder LARD.

Ebenso veröffentlichte er etliche Spoken Words Platten mit den Mitschnitten seiner Soloauftritte. "No more cocoons" hatte ich einmal, es muss so 1997 rum gewesen sein gehört, und als recht unterhaltsam in Erinnerung. Nachdem ich aber "Beyond the ..." aufgelegt hatte, war ich ziemlich entsetzt. Ich hatte noch den Satz eines Freundes im Hinterkopf, der schon vor einigen Jahren meinte, dass Jello Biafra im Grunde doch "zutiefst liberal" sei. Und genau daran erinnerte ich mich wieder schlagartig. Biafra´s Aussagen und Art zu polemisieren ähneln extrem denen Michael Moores: Platter, staatstragender Populismus, der unter dem Label "Humor" an die Kunden gebracht wird. Ich konnte kaum glauben, dass das ganze was einem früher als so anarchisch, aufrüttelnd und kritisch vorkam, sich bei nochmaligem hören Jahre später als völlig flache Pseudokritik entpuppte.
 

Systemkritik, die keine ist: Biafra´s Märchenstunde

Biafra´s Hauptgeschäft ist die Kommentierung der Regierungspolitik. Dazu nimmt er aktuelle, tagespolitische Ereignisse und nimmt diese auseinander. Seine politischen Aussagen sind als "Humor" deklariert und zielen auf Lacher im Publikum ab, am ehesten ist das ganze also der Kategorie "politische Stand-up-Comedy" zuzurechnen.

Auf deutsch würde man seine Hauptstoßrichtung wohl "Politikerschelte" nennen In erster Linie geht es gegen die Politik des Präsidenten der USA. 1987 war Reagan die Zielscheibe, 1994 dann Clinton und Bush sen., 2002 George W. Bush. Laut Biafra ist nicht der Kapitalismus schuld an der Misere, es ist nur das falsche Führungspersonal an der Macht; man wünscht sich "Noam Chomsky als Außenminister und Ralph Nader als Wirtschaftsminister" (Jello Biafra 1994 – "Message to our sponsor") und alles wird gut. Biafra bauscht diverse alltägliche Ungerechtigkeiten oder das was man dafür hält, auf. Er regt sich über Mißstände auf – eine plausible Erklärung warum das ganze so ist, hat er dagegen nicht, bis auf die Moral: korrupte oder unfähige Politiker und geldgeile Geschäftsleute: "...isn´t it interesting that a lot of these corporate people.... money does to them what crack does to other people" (Jello Biafra 2002 - "The rolling blackout revue"). Eine klassische moralisierende Kritik, die die Probleme der kapitalistischen Vergesellschaftung auf das Fehlverhalten von einigen Mitgliedern der Eliten reduziert. Biafra will den Kapitalismus nicht abschaffen, ihn stören nur konkrete Mißstände, die den falschen Leuten in einflußreichen Positionen geschuldet sind. Bei ihm ist immer nur das konkrete zu finden, niemals das allgemeine. Die abstrakte Herrschaft des Kapitals ist er unfähig zu begreifen und so werden nur allgemeine Klischees der "Dummheit der Politiker" wiederholt und wiederholt und wiederholt.

Seine Basis ist ein linksliberaler Patriotismus, der genau auf der Linie eines Michael Moore liegtt: Die Regierung würde nicht die Interessen des Volkes vertreten. Stattdessen seien die Linksliberalen die "wahren Patrioten: "Don´t believe the hype – we are patriotic citizens, too." (Jello Biafra 2002: "Be patriotic – fight the government"). Skipt man durch seine Platten der verschiedenen Jahrzehnte, so erzählt Biafra immer das Gleiche: Er ist besorgt, dass die liberalen Freiheitsrechte der USA eingeschränkt werden durch einen übermächtigen Staat, die religiöse Rechte, die Macht der Großkonzerne. So liegt er mit seiner Kritik auf der gleichen populistischen Linie wie Michael Moore ; wenn er beispielsweise in "What Reagan didn´t know" (1987) einige von dessen Peinlichkeiten aufzählt, u.a. dass er sich auf einer Brasilienreise in Bolivien wähnte. Doch was soll das beweisen? Außer der Dummheit / Unfähigkeit des Führungspersonals ist mit dieser Form von Kritik nichts zu holen, Biafra und Moore hechelt immer den Journalisten hinterher, doch diese sind zumeist näher an den aktuellen Skandalen dran. Ändern tut sich dadurch nichts, außer dass eine ständige Empörung aufrechterhalten und dem Publikum verkauft werden muss.
 

Vom Punkagitator zum grünen Politiker

Bei aller Kritik am politischen Inhalt - unterhaltend sind die frühen Platten zumindest noch. Jello Biafra kann extrem viel aus seiner Stimme holen und nutzt das auch aus; wenn er beispielsweise einen rechten Christen parodiert, der abhängig von Fernsehpredigern geworden ist und alles Erspartes an diese verpfändet hat im Wahn alles verbieten zu wollen: ein "God-o-holic" mit der Mission "ban everything". Oder er sich in "Urinalysis is freedom" (1987) über die zunehmende Verbreitung von Drogentests lustig macht. Oder er die die unmöglichsten bzw. orginellsten Bandnamen zusammenfabuliert wie "The Janitors of Anarchy", "Electric meat" oder "Dracula was gay".

Leider verschwinden die abgedrehten Elemente im Laufe der Jahre zusehends. Während 1987 wenigstens an einigen Stellen der wilde Humor des Punk durchkommt, wird es 1994 schon wesentlich langweiliger. 2002 ist Biafra dann auf dem Niveau eines moralinsaurer Zeigefingerhebers angekommen, der von einer besseren Welt schwafelt. Ertragbar bleibt das ganze nur an den Stellen, wenn er von seiner Prediger-Rethorik abweicht und wie in "Joey Ramone"  (2002) Geschichten aus seiner Jugend auffährt.

Ich musste natürlich rausfinden wie seine Entwicklung weiterging, also gleich mal sein letztes Alben runtergeladen, und – wer hätte das gedacht – HORROR! Auf dem Album von 2002 "Machine Gun in the Clowns Hand" ist nahezu jeglicher anarchische Humor verschwunden. Biafra betet die plattesten Mythen von Teilen der Antiglobalisierungsbewegung runter: Bush und der "War on Zerror" sind schlimm und man solle doch bitte wählen gehen und zwar den Kandidaten Ralph Nader. Und Freunden aus Übersee möge man doch bitte "let ´em know how important it is to keep the pressure on their leaders not to following King George II in a desaster in Iraq...urge people in other countries to save America from America and the rest of the world as well." Und jetzt alle zusammen: gegen die USA! Über solche Unterstützung gegen den 3.Golfkrieg haben sich Chirac/ Schröder sicherlich gefreut. Dieser platte Anti-Imperialismus ohne jeglich Analyse ist weder unterhaltend noch lustig – sondern nur kreuzdämlich und ärgerlich zugleich.

Genauso wie Biafra´s Aussagen auf den Konzerten in Deutschland, wo er für die Wiederwahl Schröders plädierte, weil der ja weniger schlimm sei als Angela Merkel (JungleWorld 27/2005). Das kleinere Übel wählen - das ist nun wirklich das überdämlichste überhaupt. Manche raffen es wirklich nie. Hier wird wirklich jegliches Niveau unterschritten und ein Idol meiner Jugend demontiert sich selbst. Traurig, traurig. Mit "Punk" hat das nun nicht mehr im geringsten etwas zu tun. Da passt es nur ins Bild, dass Biafra im Jahr 2000 als Präsidentschaftskandidat der amerikanischen "Green Party" nominiert war (letzenendes setzte sich Ralph Nader als Kandidat durch).
 

Ich bin die Guten, die Majorlabels sind böse. 

Die eigene Rolle wird von Biafra unzureichend reflektiert. Er selbst ist Teil der Kulturindustrie, und stellt ein Produkt (Tonträger / Event), das bestimmten Verwertungsbedingungen gehochen muss und verkauft werden will. Dazu braucht er als Künstler ein Image, dass ihm sein Publikum abnimmt. Und das stellt er durch seine Auftritte her: der aufrechte Ex-Punk und Kämpfer gegen Korruption und  Ungerechtigkeit.  Er sieht zwar generelle das Dilemma, als Künstler Teil des "Entertainment"-Sektors zu sein, meint aber ein "Infotainment" zu betreiben. Dieses beschreibt er als: "Infotainment bedeutet, Inhalte zu vermitteln, die ansonsten im ganzen Land unterschlagen werden ... ,wobei die Musik nur als eine Art geräuschhafte Gleitcreme benutzt wird, diese Inhalte möglichst schmackhaft rüberzubringen." (Büsser 1998, S.139)

Dass das Ganze in etwa so emanzipatorisch ist, wie das Abendprogramm von Pro7 und Sat1, dürfte offensichtlich sein. Statt zu begreifen, dass er ein Teil der Kulturindustrie ist wie alle Kunstschaffenden, wähnt er sich als Außenstehender, der unzensierte Informationen an die verblendeten Massen liefert, während ausschließlich Majorlabels Teil des Systems seien. Dass "Underground" und "Mainstream" nur zwei Seiten der gleichen Medaille sind und letztenendes der "Underground" auch nur seine Produkte verkaufen will, wird dabei übersehen. "Underground" braucht immer das rebellische Image als Reklame und wandelt dabei gleichzeitig noch sozialen Protest in ein unschädliches Unterhaltungsprodukt um – letztenendes gleichen die Produktionsverhältnisse bei "alternativen" Labels denen bei Majorlabels.

 Streckenweise blitzt bei ihm eine Ahnung auf, dass es mit Subversion in der Popmusik doch nicht so einfach sein könnte. Biafra formuliert eine Kritik an Punkrock, denn Punk sei eine maßgeschneiderte Subkultur für Jugendliche der weißen Mittelklasse, die sich selbst marginalisierten, während die wirklich sozial Ausgegrenzten davon nie angesprochen worden seien. Diese hörten HipHop, der in der Punkszene insbesondere von Punkfanzines wie dem Maximum Rock´n Roll abgelehnt wird (Büsser 1998, S.140)[i]. Gegen diese Ignoranz von Seiten der Punks nimmt Biafra sogar die Veröffentlichung von Rappern auf Majorlabeln in Schutz. Stringent begründen, warum es denn für ICE-T legitim sei auf einem Major zu veröffentlichen, für "langhaarige, apolitische PEARL JAM – Schrammler" (Büsser 1998, S.140)[ii] jedoch nicht, kann er nicht. Stattdessen drischt er im gleichen Interview zwei Fragen später lieber weiter munter auf die bösen Majorlabels ein. Wo da die Logik bleibt, weiß nur Biafra alleine.
 

Dem Publikum die eigene Meinung verkaufen

Dabei ist Jello Biafra Fernsehpredigern näher, als er das gerne wahrhaben möchte. Auch er bedient sich Massenmedien, versucht so viele Menschen wie möglich zu beeinflußen und hat eine Agenda, die er den Leuten verkauft - und die zudem protestantisch inspiriert ist: "Die Maßlosigkeit von Politikern und Konzernboßen ist für die Verdarbtheit der Welt verantwortlich und wir müssen etwas zum positiven ändern." Und das wird dem Publikum gnadenlos ins Hirn gedroschen. Biafra steht auf der Bühne, redet auf die passiven ZuhörerInnen ein und versucht durch seine humoristisch aufgewerteten Scheinfakten Leute für seine Meinung zu gewinnen. Das hat recht wenig mit Aufklärung der Massen zu tun, die er vorgibt zu betreiben, eher mit einer Verkaufspredigt: Die vermeintliche Wahrheit als handliches Produkt zwischen Humor und Polemik zu vermarkten.

Diese Nummer scheint anzukommen beim Publikum, denn er wird von Teilen der Punkrockszene immer noch als Star gefeiert. Besonders Deutsche dürfen sich darüber freuen, können sie doch ihrem Antiamerikanismus freien Lauf lassen, wenn ein Alibi-Ami über die USA vom Leder zieht. So sind frenetische Verklärungen siner Platten wie im Ox Fanzine wohl eher die Regel: "... so muss man einfach sagen, dass Biafra ein extrem gebildeter, schlauer, scharf analysierender Intellektueller ist, der sich ein unglaubliches Wissen über die Politik der US-Regierung im In- wie im Ausland angelesen hat."[iii] Unter den Blinden ist der Einäugige bekanntermaßen König. Das runterbeten von klassischen antiamerikanischen Ressentiments wird zur "Analyse" und das zusammenklauben eines Halbwissens aus Zeitungsartikeln zu "Bildung" verklärt. Gute Nacht!
 

Alternative Tentacles: Rechts? Links? Egal.

Ebenso fragwürdig wie Biafras Aussagen ist das Programm von seines Labels Alternative Tentacles. Neben Releases von Punkbands werden in jüngster Zeit auch verstärkt Hörbücher und Spoken Word-Alben veröffentlicht. Und hier tummeln sich allerlei Namen von AutorInnen, die den offenen Schulterschluß mit Rechtsextremen praktizieren: Norman Finkelstein, dem alle Antisemiten dieser Erde die These der "Holocaust"-Industrie verdanken; Noam Chomsky, der sich tatkräftig für Holocaustleugner einsetzt und die Autorin Arundhati Roy, die nicht nur ein Herz für Selbstmordattentäter hat (und dafür mit etlichen Buchpreisen ausgezeichnet wurde), sondern auch mal der rechtsextremen Zeitung "Junge Freiheit" ein Interview gibt. Das ist genau das penetrante Klientel an "FriedensfreundInnen", die nur auf die nächste Gelegenheit geifern, um zusammen mit Nazis und Islamisten in den Jihad gegen die USA zu ziehen.

Wer stattdessen eine Welt ohne Hassverbrechen möchte, sollte sich nach anderer Unterhaltung umschauen.

 

lfo demon, Berlin 28.8.05

Verwendete Medien:

 Martin Büsser (1998): "Besser, du redest mit Half Japanese." Im Gespräch mit Jello Biafra. In: Martin Büsser: Antipop. Dreieck Verlag, Mainz

"Punk-Nostalgie macht mich krank". Interview von Markus Ströhlein. In: Jungle World 27/2005

Jello Biafra (1987): "No more Cocoons"
Alternative Tentacles/ virus059 2x12" / 2xCD

Jello Biafra (1994): "Beyond the Valley of the Gift Police"  
Alternative Tentacles/ virus150 3xLP / 3x CD

Jello Biafra (2002): "Machine Gun in the Clowns Hand"
Alternative Tentacles/ virus290 3xLP / 3x CD



Anmerkungen:

[i] Zumindest für die Punkszene in Deutschland stimmt das nicht ganz, als Gegenbeispiel darf hier das damals einflußreichste Punkfanzine ZAP gelten, dass ab 1992 angefangen hatte HipHop massiv zu pushen mit Rappern wie ICE-T oder ANARCHIST ACADEMY.

[ii] Zumindest für die Punkszene in Deutschland stimmt das nicht ganz, als Gegenbeispiel darf hier das damals einflußreichste Punkfanzine ZAP gelten, dass ab 1992 angefangen hatte HipHop massiv zu pushen mit Rappern wie ICE-T oder ANARCHIST ACADEMY.

[iii] Joachim Hiller, Herausgeber des Ox Fanzine#50 im Review zu Jello Biafra – "Machine Gun In The Clown's Hand"

 


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