RAGGACORE - der Versuch einer Beschreibung
Alle reden davon, aber keiner weiß was es
ist- so in etwa steht es mit dem Begriff „Raggacore“. Der folgende Artikel
ist natürlich streng subjektiv und spiegelt nur meine Sicht der Dinge
wieder. Viel ist natürlich bei der Einordnung von Musik persönlich
Ansichtssache, also haltet das bitte im Hinterkopf beim Lesen! Ich habe
also nur die mir wichtig erscheinenden Platten aufgeführt um einen
Überblick über die Materie zu geben. Jahreszahlen habe ich zu den
Veröffentlichungen nicht geschrieben, einige der genannten Releases sind
noch erhältlich, andere haben Raritätenstatus. Eine komplette Discographie
wäre doch mal eine ansprechende Aufgabe für den interessierten Sammler.
Ja, genau DU bist gemeint. Ebenso gehe ich hier wenig bis kaum auf
härteren Ragga Jungle ein.
Prinzipiell lässt sich sagen, dass es keine „Raggacore“-Szene gibt. Zum
einen ist die Anzahl der Veröffentlichungen viel zu gering, zum anderen
lassen sich viele Artists nicht unter „Raggacore“ einordnen: Viele samplen
in einigen Stücken Ragga, in anderen etwas völlig anders. Bestes Beispiel
hierfür ist VENETIAN SNARES. Zwar hat er wohl mit der "snares man" 7"
maßgeblich zum Hype des Stils beigetragen, die meisten seiner Tracks haben
aber eher wenig mit "Raggacore" zu tun.
Bei anderen Artists sieht es nicht anders aus: von DJ SCUD bis ENDUSER-
die wenigsten Acts lassen sich in die Schublade "100%-Raggacore" stecken.
Gleiches gilt für Labels: die meisten Labels
die Raggacore veröffentlichen
veröffentlichen auch „normalen“ Breakcore. Clash, Full Watts, Razor X und Shockout sind meines Wissens die einzigen Labels, die ausschließlich
Raggacore veröffentlichen.
Es gibt auch keine feste Szeneinfrastruktur (bis auf einige Labels):
Fanzines und Messageboards fehlen. Kommunikation läuft meist über die
Strukturen der Breakcore-Szene.
Am ehesten trifft also folgende Aussage zu:
Raggacore ist nur ein kleiner Ausschnitt von Breakcore und angrenzenden
Musikstilen.
Stilelemente
Wie fing das ganze überhaupt an? Ist verzerrter Jungle mit Raggasamples
schon Raggacore? Wie beispielsweise D-Jungle auf Riot Beats? Oder Gabber
mit Ragga wie zum Beispiel WEDLOCK´s „Ganjaman“ (Ruffneck Records) von
1994? Dürfte alles zu den Einflüssen zählen, kam vereinzelt vor, aber
stellte noch nicht einen eigenständiges Genre dar sondern war in den
jeweiligen Bereich eingebettet.
Erst seit kurzem hat sich eine eigenständige Richtung entwickelt, die eben
alle Elemente der Ursprungsstile vereint, dabei aber über die Vorbilder
hinausgeht und etwas neuartiges schafft. Denn: Raggacore ist Fusion. Es
ist nicht mehr ein bestimmter, genau definierbarer Stil, sondern eine
Ansammlung von Stilelementen, die ganz unterschiedlich kombiniert werden.
Dazu gehören Gabber, schnelle Amenbreaks, Ravesounds und natürlich
Dancehall-Elemente.
Raggacore weist aber immer ein spezifisches Merkmal auf: die Bezugnahme
auf Ragga/Dancehall. Vom Grundprinzip erinnert das ganze an Raggajungle,
einer Musikrichtung, die zum Großteil ja Jungleversionen von Raggastücken
veröffentlicht. Im Unterschied dazu ist Raggacore härter, schneller und
wilder: Es wird mehr mit Verzerrung gearbeitet und die Breakbeats laufen
meist nicht gleichmässig sondern werden extremst zerstückelt. Allerdings
ist im Vergleich zum restlichen Breakcore der experimentelle Anspruch an
die Musik zurückgeschraubt zugunsten von Tanztauglichkeit: Die
Beatstrukturen werden nicht mehr völlig seziert, ein durchgängiger Takt
bleibt erkennbar. So ist Raggacore meist eingänger als „klassischer“
Breakcore und wird –gerade durch die wiedererkennbaren Vocals- von mehr
Leuten als nette Musik empfunden.
Wo Raggacore anfängt oder aufhört ist kaum zu sagen. Angrenzend an
Raggacore gibt es auch Experimente mit von Ragga artverwandte Musikarten –
insbesondere Dub (aber auch Ska und Reggae). Beispiel hierfür sind die
Noisedub-Stücke von DJ SCUD (Full Watts#3), THE BUG oder SAOULATERRE "We
are da Rasta" sein.
Geschichte eines
Musikstils
Eigentlich angefangen hat -bei mir zumindest- alles mit VENETIAN SNARES
–
„snares man“ 7“ (History of the future) und KNIFEHANDCHOP –
„bounty killer killer“ 7“ (irritant/dyhane). Das war irgendwann im Jahr
2001. Ein richtiger Kick war das damals, zum ersten Mal knackigen
Breakcore mit Raggatracks kombiniert zu hören. Die maschinelle Atmosphäre wurde
durch die Voices um einen Wiedererkennungsfaktor ergänzt. Normaler Dancehall war mir zu lahm und auf Dauer zu
monoton, aber durch den Punk-Chaos-Noise-Faktor von Breakcore kam
richtiger Drive in die Sache. In der Zwischenzeit gibt es einige Producer,
die selbigen Stil weiterentwickelt haben..
Ebenso ist DJ SCUD aus London sicher auch ein maßgebender Impulsgeber für
das ganze Ding (er hatte ja auch einen maßgeblichen Einfluß auf die ganze
Breakcore-Szene). Er hat viele Platten produziert, die heute noch auf jeder Party laufen.
Die eher Ragga-lastigen sind „Total destruction“ (maschinenbau
recs), „Mortal Clash ep“ (Ambush). Steckt hinter Ambush Records. Dessen
Schwesterlabel Full Watts wird von den New Yorker I-SOUND betrieben. Auf
letzterem sind bisher 3 7inches erschienen, von denen die erste, BLOODCLAAT GANGSTA YOUTH (aka DJ SCUD) – „kill or be killed“ als
Klassiker gilt.
Ebenso ein Klassiker ist der SCUD-Remix von NETTLE´s „In Chains“ (Soot#3;
jetzt neu aufgelegt auf NETTLE- „Firecamp Stories 1“ (Agriculture17).
Bester Dub+Core mit harter Bassdrum und Noise, offbeat-piano und spacigen
Sounds. Vor kurzem ist eine Auswahl seiner Tracks als 2x12“ auf Rephlex
erschienen ist.
Producer & Labels
aktuell
Und wer steckt heute hinter den meisten Raggacore Platten? Zum einen gibt
es Acts, die aus dem Breakcore-Underground kommen, zum anderen aber auch
Leute die eher aus einem kommerziell orientierten Hintergrund kommen. Das
ganze lässt sich natürlich nie hundertprozentig trennen und überschneidet
sich oft.
BONG RA ist einer der bekanntesten Namen, die als „Raggacore“ gehandelt
werden. Kommt aus Holland und hat schon einige Platten bei Labels wie
Djax, Death$sucker und Russian Roulette auf dem Kasten. Betreibt sein
eigenes, auf Raggacore spezialisiertes, 7“- Label Clash Records, aufdem
bisher 5 Tonträger erschienen sind.
Ein Spezialfall ist sicherlich THE BUG aka Kevin Martin von GODFLESH /
TECHNO ANIMAL. Weniger Breakbeat-orientiert als mehr Ragga-Industrial und
vor allem mit MC´s im Studio. Darunter die dicken Namen wie CUTTY RANKS
und DADDY FREDDY. Hat das „Pressure“ Doppelalbum (Rephlex) rausgebracht,
ebenso etliche 12inches und 7inches. Durch seinen Bekanntheitsgrad kommt
es da zu allerlei Remixen: Selbst APHEX TWIN lässt den
Speed-step-break-Raggacore Hecht raushängen auf der AFX-„smojiphace ep“
(Men2) mit einem Remix von THE BUG´s „run the place red“. Das 7“-Label
Razor X bringt scheinbar exklusiv THE BUG vs THE ROOTSMAN raus, denn alle
4 bisher erschienenen Releases kommen in dieser Kombination.
Ebenso lies T.RAUMSCHMIERE auf „Rabaukendisco“ (NovaMute) THE BUG zum
"remixen" ran. Die Mixe von THE BUG haben mit dem Orginal nichts mehr zu
tun sondern sind verzerrtester Dancehall.
Dann wäre da noch KID 606, von mir eigentlich schon abgeschrieben, der
mit seiner letzten DoppelLP „kill sound before sound kills you“ (tigerbeat
100)einen Knaller deluxe lieferte. Neben recht guten non-ragga tracks,
gibt es hier 3 Raggacore-Gabber-Break-Burner der Extraklasse. Fette
Gabberbasses, dicke Breakbeats und das ganze zerstückelt mit DSP- und
Noisesounds. Ebenfalls aus dem Tigerbeat-Umfeld gibt es das Sublabel Shockout, spezialisiert auf Raggacore, Raggajungle, exklusiv mit dem MC
Wayne Lonesome, auf dem bisher 3 12inches erschienen sind (KID 606, DJ
RUPTURE, SOUNDMURDERER). SOUNDMURDER & SK1 hat auch sein eigenes Label
namens Rewind. Sehr schwer zu bekommen, diese Platten, doch allesamt sehr
gut. Der härteste Raggajungle, den ich bisher gehört habe und der alles
weghaut. Auf Rewind#6 wird so eben mal ein Soundclash in einen Track
integriert. Das rockt!
Ebenso zu erwähnen sei PANACEA unter seinem alias RICH KID. Eine 12“
(Hardliner Records), eine 7“ (Mirex) und eine 12“ mit DJ SCUD (Ambush)
gibt es bisher von ihm. Dickster Rave-Noise-Jungle-Srum´n bass; einzig die
7“ fällt aus der Reihe und ist fettester noisiger Dancehall.
Nicht zu vergessen auch SHITMAT, der auf Planet Mu bisher eine 7“
herausgebracht hat, und von dem im März 2004 eine 2x12“ mit
„BabylonBoy“-Mixen erschienen ist.
FFF, wohnhaft in Rotterdam, ist ebenfalls ein weiterer heisser Act. König
des harshen Amenbreaks mit Dancehall und dicken Synthlines aus alten
Gabberplatten. Inzwischen benutzt er auch viele HappyHardcore-Pianoparts,
allerdings so geschickt arrangiert, dass sie nicht nerven. Hat bisher auf
diversen Labels wie Clash Records, K-Hole und Mindbender veröffentlicht.
Im Umfeld von Peace Off aus Rennes/Frankreich geht auch einiges. Das
Sublabel Damage hat einige Raggacore-Veröffentlichungen aufzuweisen, die
bisher letzte ist REPEATER – „Terrestral Activity“.
ROTATOR haben einige Highspeed-Raggajungle-core-Bomben am Start (z.B. auf
Difraktion Recs). Ebenfalls beliebt ist die 12inch KOVERT – „versioning“
(damage). Keine Acapellas, dafür Ravesounds mit Raggasamples; das ganze
auf einem Fundament aus Raggarhythmik gepaart mit Breakcore-Beats.
Murderstyle! eben.
Aus Deutschland gibt es auch etwas zu vermelden: zum einen Herr ISTARI
LASTERFAHRER aus Hamburg. Betreibt sein Label Sozialistischer Plattenbau
und wird auf seinen Veröffentlichungen zunehmend Reggae-lastiger. Dort
rausgekommen ist u.a. die split7“ „Dubcore“ von ISTARI LASTERFAHRER /
PARASITE mit einem Highspeed-Remix von ALEC EMPIRE´s „Bassterror“.
Das nette an ISTARI´s Stil ist dass er eben nicht Ragga-Dancehall sampelt,
sondern Roots-Reggae mit Jungle/Breakbeats und einer guten Portion
Punk-Attitude zusammenpackt. Seine letzte EP „Do you think“ kam in
Zusammenarbeit mit Sprengstoff Records raus- das Label das ich, aka
LFO
DEMON, führe. Eigenlob stinkt bekanntermassen, deswegen nur kurz die
Fakten: Von mir als Raggacore dort noch erschienen sind die 7“ „Rave for
communism“ (mit einem Speedcore-Ragga-Remix der Band SEEED) und die
Split12“ mit FFF „Clash of the titans“ (in Zusammenarbeit mit Mindbender
Records). An Ragga-lastigem Kram auf Mindbender Records erschienen ist die
ZOMBIEFLESHEATER 7“ oder „Shizuo goes Raggacore“, wie wir zu sagen
pflegen. Härtester Noise´n Breakcore trifft Dancehall-Elemente, das ganze
aber noch gut tanzbar. Merke: Hardcore aus dem Westerwald knallt.
Ebenso aus dem Westerwald kommt AMBOSS, der auf der SPEEDHALL-12“ des
Berliner Labels Kool Pop (eines der ältesten und einflussreichsten
Breakcorelabels) 2 Tracks veröffentlicht hat neben KOVERT und FFF.
„Speedhall“ ist ein anderer Term für Raggacore, meint aber das gleiche. So
geht es auf gleichnamiger Compilation dann massiv zur Sache. Die
„Ladycracker ep“ von DIN-ST (auch Kool Pop) hat dann auch nochmal einen
smoothen Ragga-Socca-Noise-wie-auch-immer Hit drauf.
Noch zu erwähnen wäre GEROYCHE aus Chemnitz, der mit „Galong Galong Rmx“
(SuburbanTrash) einen harten Ragga-Remix abgeliefert hat.
Neu aus Hamburg und in Richtung Raggacore tendierend ist Bruchstellen
Records: Nummer 1 ist eine 2x7“ u.a. BONG RA und ENDUSER.
Auch auf den anderen Kontinenten tut sich was: In den USA z.B. im Umfeld
um Sonicterror Records (ENDUSER und DEV79 sind hier 2 Namen) oder das
Label Mash it Records mit DJ C und Aaron Spectre. Auch Japan hat das erste Raggacore-Release zu
vermelden: eine ENDUSER/ SOUNDMURDER -split12“ (Omeko). AL CORRUPT aus
Australien hat auf System Corrupt ebenso zumindest einen harten
Raggacorestomper (der Rest dieser split12“ ist excellenter mash-up
breakcore).
Inhalte?
Dass es nicht nur um Musik geht, sondern
sich die Leute über ihr Handeln Gedanken machen, wurde in der Diskussion
um Homophobie (=Schwulenhass) in vielen Dancehall-Lyrics klar. Zum
Hintergrund: Rastafari ist eine christlicher Kult auf Jamaika, der sich
neben Sexismus massiv durch Schwulenfeindlichkeit definiert. In jedem 2.
Track wird zum Mord an Schwulen (im Slang Partois „Battyman“ oder
„Chichiman“) aufgerufen. Vielen Leuten ist das oft nicht bewußt. Da ist
dann Ragga halt tolle Musik, die man gut findet, ohne die Inhalte zu
kennen. Nachdem die Diskussion losgetreten wurde, haben einige
Raggacore-Producer keinen Bock mehr, diese Aussagen der Orginaltracks in
ihren Tracks zu verwenden. Zum einen wird versucht die entsprechenden
Stellen herauszuschneiden oder unkenntlich zu machen; teilweise wird durch
Cut-up-Technik auch der Sinn entfremdet. Zum anderen geht die Idee dahin,
eigene MC´s mit eigenen Texten an den Start zu bekommen.
Uneindeutig ist auch Absicht hinter der Bezugnahme auf die Symbolik der
Raggaszene (Löwenköpfe, etc.). Ob die Labels wirklich hinter der Religion
der Rastafaris stehen oder diese persiflieren wollen oder nur aus
„Koolness“-Gründen übernehmen, lässt sich nicht sagen.
Fazit
Wir dürfen also gespannt sein, ob und wie das ganze sich weiterentwickelt:
kurzlebiger Hype oder Etablierung. Im Gegensatz zum „klassischen
Breakcore“ ist Raggacore meist leichter zugänglich und spricht die Leute
eher an. So gibt es inzwischen etliche Leute, die zwar Raggacore mögen,
„klassischem“ Breakcore aber nichts abgewinnen können, da selbiger ihnen
zu chaotisch ist.
Eine Gefahr liegt darin, dass unter Umständen die experimentellen Momente
von Breakcore immer mehr zurückgedrängt werden und alles auf eine
kacklangweilige, leicht konsumierbare „den ganzen Abend der gleiche
Sound“-Schiene hinauslaufen könnte. Der übliche Populismus eben: der DJ
halluziniert sich als Ausführungsorgan eines vermeintlichen Willens der
Massen.
Möglicherweise erscheint auch der ganze Sound in 3 Jahren nicht mehr
„fresh“ sondern nur noch antiquiert und „irgendwie so Anfang der 2000er
Jahre“. Das wird die Zeit zeigen. Allerdings sieht es danach im Moment
nicht aus. Die Aussichten sind ganz gut: jeder zieht sein Ding durch, ohne
gnadenlos zu kopieren; dennoch mit Respekt vor dem Werk der anderen. Die
Welle von uninspirierten Langeweiler-Platten mit Raggasamples ist uns
bisher erspart geblieben. Hoffen wir, dass es so bleibt.
LFO DEMON, Berlin, 29.5.2004
(V0.91)
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