Kommunikationsguerilla von Rechts

Lange Zeit konnte man annehmen, kreative Aktionsformen wären eine Domäne der politischen Linken. Ob das Verteilen gefälschter "offizieller" Dokumente mit subversivem Inhalt oder Fake-Webseiten wie Billionaires for Bush – all das waren bisher kreative Strategien, um vorgegebene Denkschemata aufzubrechen und die Funktionsweisen des Kapitalismus zu entlarven. "Lacht kaputt, was euch kaputtmacht" – dieser Logik folgte dieser Ansatz entweder durch direkte Aktionen oder in der Verfremdung durch Medien das System durch Gelächter zu stürzen.

In Deutschland gab es verschiedenste Aktionsformen in der Geschichte der Autonomen unter dem Motto "Spaßguerilla" seit Ende der 60er Jahre. Später in den 90ern erschien dann das "Handbuch der Kommunikationsguerilla" [1]; hier wurde kreativer Widerstand nun theoretisch untermauert. Damit wurden kreative Takten von der reinen "Spaßsache" zur etablierten politischen Praxis.
Die Mittel dienten dabei immer der Aufklärung und Emanzipation – es ging nie darum, aus einer vermeintlich allwissenden Position heraus andere zu missionieren, sondern die Routinen des vermeintlich "normalen" zu stören und so einen Reflexionsprozess in Gang zu setzen.

Doch die Zeiten des Monopols auf Subversion durch Linke sind vorbei- heute bedienen sich auch konservativ-rechts denkende Menschen (zumindest in den USA) ungewöhnlicher Taktiken und Linke werden zur Zielscheibe ihrer Kritik. Eine inhaltliche Auseinandersetzung der eigenen Handelns findet dabei nicht statt, es wird nur auf einen reinen Schockeffekt gesetzt.
Exemplarisch dafür nun drei aktuelle Beispiele:


Michael Moore -bashing ist in den USA ein richtiger Sport für konservative Amerikaner geworden. Der rechte Filmemacher Michael Wilson hat nun eine Dokumentation nach dem Vorbild Moore´s gedreht: nur dass es diesmal Michael Moore ist, der von einem hartnäckigen Reporter gejagt wird.
Der Film Michael Moore hates America wirkt wie ein Spiegelbild der Methoden Michael Moore´s: Filmausschnitte von Moore und anderen "Linken" werden aus dem Zusammenhang gerissen, um sie wie Trottel dastehen zu lassen. Ebenso reist Wilson wie in einem Roadmovie durch die USA und interviewt "DurchschnittsamerikanerInnen", die seine eigenen Meinungen belegen: Dass die USA "ein großartiges Land, mit uneingeschränkten Möglichkeiten sind", in denen "das Individum selbst sein Leben gestalten kann"- so der Tenor des Films. Diese konservative Idylle des "American Dream" wird eben nur durch vaterlandslose Gesellen wie Moore gestört (dem man sicher vieles vorwerfen kann- mangelnden Patriotismus jedoch kaum).
Der Film liefert seichte Kost für die Leute, die schon einer bestimmten Meinung sind- Langeweile durch lange Faktendarstellungen oder der Beschreibung komplexer Themen kommt gar nicht erst auf.
Die Aussage ist klar: Michael Moore verbirgt seine "wahren" Absichen, er lügt und respektiert nicht die amerikanischen Werte wie z.B. den der Meinungsfreiheit, da er den Filmemacher Wilson, der ihm nachstellt, nicht zu Wort kommen lässt.

Das ganze wirkt ziemlich dröge und unorginell- Michael Moore mit seinen eigenen Waffen zu schlagen mag sich als Gedanke nett anhören, die Umsetzung in diesem Fall ist aber grausam schlecht.
Von einer großen Resonanz kann ebenso keine Rede sein- der Film läuft USA-weit in ganzen 6 Kinos.

Der Film funktioniert sicherlich gut für Hardcore-Republikaner, die Moore als Amerika-hassenden Kommunisten betrachten – so gab es 10 Minuten stehender Beifall beim konservativen American Film Renaissance Festival in Dallas [2].
Doch im Vergleich zu Michael Moore´s Filmen wirkt dieser wie eine schlecht gemachte Kopie. Inhaltlich funktioniert das ganze auch nicht so recht: Michael Moore bemüht sich, sich als Patrioten in Szene zu setzen und seine Liebe zu den Vereinigten Staaten zu betonen [3].
Gegen diesen moderaten, linken Populisten kommt die alte Gleichung der Konservativen "links=vaterlandsverräter" – zumal handwerklich schlecht gemacht- ziemlich altbacken daher.

 

Wesentlich frischer schafft es eine andere Gruppe Konservativer, die
"Communists for Kerry"
, das Klischee "links=Kommunismus" zu verkaufen. Die Webseite http://www.communistsforkerry.com/ ist eine Fake-Seite, die sich in den Wahlkampf 2004 eingeschaltet hat, um als "Kommunisten für Kerry" den Präsidentschaftskandidaten John Kerry zu unterstützen (natürlich: lächerlich zu machen).

Dabei werden die Symbole und Versatzstücke der Ideologie des Sowjet-Bolschewismus (aber auch anderer linker Ikonen wie Che Guevara) benutzt, um so Kerry als Sowjet darzustellen, nebenher bekommen auch Initiativen wie die Wählervereinigung "Move On" ihr Fett weg. Auf längere Texte und Hintergrundinformationen wird verzichtet; diese Seite soll Leute ansprechen, die sich nicht mir langatmigen Analysen aufhalten möchten.

Diese Webseite wirkt sehr ansprechend durch ihre krasse Form der Satire. Hier wird John Kerry mit antiquierten Kommunismus-Symbolen in Verbindung gebracht und es wird gnadenlos über ihn und den Kommunismus hergezogen. Hauptbestandteil sind Parodien auf Kerry sowie die Dokumentation von eigenen Aktionen. Dabei gibt es eine Kommentarfunktion ähnlich zu Indymedia zu jedem Artikel, so dass Sympathisanten sich hier direkt einschalten können. Ebenso werden Devotionalen und Fanartikel verkauft.Überaus praktisch: zum einen werden Fans eingebunden, die dann noch als Werbeträger dienen, zum anderen hat man eine finanzielle Einnahmequelle.

Die Mittel sind nicht nur Kollagen auf der Seite (so wird Kerry in einer Reihe mit Lenin, Engels, Marx gezeigt) sondern auch Guerilla-Aktionen wie z.B. die symbolische Umbenennung der TV-Station CBS als "Communist Broadcasting System". Dies wurde durch Fotos dokumentiert wobei die "Communists for Kerry" Crew sich als eine Parody auf Sowjets bzw. Che Guevara verkleidet hatten.
Aktionen wie diese waren darauf angelegt, Resonanz in den Medien zu bekommen: TV-Sender wurdern eingeladen und die Aktivisten wurden interviewt- es stand nicht im Vordergrund Menschen direkt zu erreichen auf der Straße – auch wenn andere Einsätze, wie ein gefakter Wahlstand mit dem "Parteiprogramm" das suggerieren möchten.

Die Frage ist natürlich, welchen Sinn die Strategie dieser Seite hat. Das Ziel "Kerry und den Kommunismus lächerlich machen" wurde sicherlich erreicht. Nur bedeutet das noch lange nicht, dass BesucherInnen der Seite zu Bush-Befürwortern werden.
Die Strategie scheint trotzdem clever gewählt: Das einstige "Evil Empire" (laut Ronald Reagan) hat heute nur noch Museumscharakter und stellt keine reale Bedrohung mehr da. So wird Kerry als ein Relikt einer vergangenen Ära dargestellt.



Die vermutlich fortgeschrittenste Praxis von Konservativen, die dem Konzept von "Kommunikationsguerilla" am nächsten kommt, ist die Gruppe Protest Warriors, die die gleichnamige Webseite http://www.protestwarrior.com/ betreibt.

Zitat Eigenwerbung: "Fighting the left- doing it right".

Wenn "Medienguerilla" ein reines Spiel mit medialen Mitteln ist, so umfasst "Kommunikationsguerilla" alle Formen der Interaktion- und die Aktionen der Gruppe gehen über eine bloße Medientaktik wie die beiden vorigen Beispiele hinaus. Man hat sich zum Ziel gesetzt, linke Politik frontal anzugreifen. Auf eine Berichterstattung der Aktionen in den etablierten Medien wird hingegen keinen Wert gelegt- die Stoßrichtung ist eine andere.

Die Seite hat einen Webshop mit einem größeren Sortiment an T-Shirts und Aufklebern, einen Newsletter und ein eigenes Forum, um eine Gemeinschaft zu schaffen und die Kasse zu füllen. In verschiedenen Sektionen werden Fotos und Videos von Aktionsformen gezeigt.
Bemerkenswert dabei ist die Dreistigkeit, mit der linke Demonstrationen infiltriert werden, um die TeilnehmerInnen mit ironischen Transparenten zu verwirren.

Grafisch sehr professionell aufgemacht, werden hier linke oder vermeintlich linke Positionen krass ironisch und sarkastisch persifliert. Sprüche wie "Außer Sklaverei, Faschismus, Nazismus und Kommunismus- Krieg hat niemals etwas gelöst" oder "Kommunismus hat nur 100 Millionen Menschen getötet- geben wir ihm noch eine Chance". Ebenso wird gegen den Islam gehetzt aber sich für Israel (als Nationalstaat und Verbündeter im Kampf gegen den Islam) stark gemacht- die klassischen Positionen der amerikanischen Konservativen.
Theoretischen Hintergrund bietet die Seite wenig. Eine knappe ¾ Din A4 Seite Selbstdarstellung, in der mehr oder weniger wirr der eigene Standpunkt publiziert wird.

Diese Seite wirkt ebenso wie "Communists for Kerry" Kampagnen-orientiert. Nicht die langfristige Arbeit steht im Vordergrund, sondern kurzfristige Einzelaktionen.
Dabei wurde sich im Fall von Prostest Warriors an den Protest gegen den Irak-Krieg gehängt. Mit dessen Schwinden wurden auch die Aktionen bei Protest Warrior weniger.
Was die Aktionen bewirkt haben, bleibt ebenfalls nebulös- eine Nachbesprechung fehlt.
Dokumentiert auf der Seite sind einige Anti-Kriegs-Demonstrationen, auf denen ProtestWarrior aktiv war. Wenn man weiß, welch illustre Mischung an zum Teil obskuren Gruppen auf Anti-Kriegsdemonstrationen zu finden ist, so dürften die ProtestWarrior-Leute eher weniger aufgefallen sein.

 

Fazit
Die dargestellten Beispiele stellen nur einen kleine Ausschnitt der Fülle neuer, rechter Strategien dar.
Auf unterschiedlichen Ebenen kopieren heute rechte Gruppen kreative Taktiken, die früher nur von Linken benutzt wurden. Ebenso werden auch ehemals linke "Lifestyles" oder Codes umgedeutet wie das Beispiel der "konservativen Punks" in den USA zeigt [4].
Wenn auch mit Unterschieden zu den hier aufgezeigten Beispielen, gibt es in Deutschland die Übernahme einst linker Symbolik bzw. Organisierungsformen (Palituch, Che Guevara, Antifa-Logo und schwarzer Block) durch organisierte Nazis [5].

Was früher meist von Punkern und Autonomen ausging, die sich über das System und Politik als solches lustig machten, wird heute völlig systemkonform als Waffe gegen vermeintlich "Linke" benutzt. Subversiv ist das ganze in keinster Weise mehr- jegliches in Frage stellen des Systems wird vermieden; Aktionen werden als reiner Medienzirkus initiiert. Einen emanzipatorischen Hintergrund gibt es nicht. Sinnfrei entleert von jeglichem theoretischen Hintergrund geht es nur darum Spaß zu haben, indem man sich über den politischen Gegner lustig macht.
Der konservative Backlash hat gerade erst begonnen...

. 

LFO DEMON, Berlin 6.11.2004

Update 7.1.2006
Eine Kritik des Textes von den AutorInnen des Buches "Handbuch der Kommunikationsguerilla" kann hier gefunden werden. So kann es gehen, wenn man unfähig ist Texte genau zu lesen, und stattdessen nur seine eigenen Vorstellungen hineinprojiziert. An keiner Stelle habe ich mich positiv auf eine "subkulturelle Praxis" HEUTE bezogen, ich schrieb über die 1980er Jahre. Aber stattdessen faselt man über "den Tenor" des Textes, der " Grenzen zieht, ihr Terrain verteidigt und schließlich ihr bisheriges Lebenswerk entwertet sieht." Ja, gegen Grenzen hat man ja was und setzt stattdessen auf postmodernes Diskursgeschwurbel von den 1000 Plateaux(schuhen), weil ja alles "irgendwie okay" ist und auch die Nazis ganz passable, subversive Praxis betreiben. Bloß nichts werten, denn damit würde man ja den "unkontrollierbaren "Sumpf" trockenzulegen, jenes Gewirr unterschiedlicher und widersprüchlicher Aktivitäten ordnen zu wollen, aus dem Subversion überhaupt erst entsteht." (autonome a.f.r.i.k.a.-gruppe. Subkultur - Subversion - Supervision?). Man hampelt lieber stumpfsinnig auf der Straße rum und freut sich debil über "den richtigen Kontext" und die imaginierte Widerständigkeit der Praxis. Die Resultate hiervon sind in der Tat mächtig beeindruckt: entweder lässt man sich von Sicherheitsdiensten verprügeln beim "illegalen tanzen" in Einkaufszentren, liefert christliche Moralphilosophie als Konsumverzichtsethik ("Buy nothing day") oder spielt Kunstavantgarde mit Blick auf die Museen ("Streetart").
Denn statt "einen Punkt außerhalb des Systems zu suchen", sabbelt man lieber von der sozialen Praxis, die statt der Theorie die Gesellschaft verändert. Wer so platt seine tolle Praxis gegen Theorie ausspielen will, die er noch als "Ideologie" diffamiert, hat gar nichts begriffen. Und dann noch Adorno zitieren, den man überhaupt nicht verstanden hat und in seinem Buch auf 3 Zeilen abwatscht. Wer so einen wertfreien Dünnpfiff verzapft, müsste doch eigentlich mit der NPD in der Zone feiern gehen, dort gibt es ja schließlich ganz viel heisse, neue Praxis von "unten" organisiert. KG für die Volksgemeinschaft.

Peinlich, peinlich, diese Praxisfritzen.

"Und wer schon als Kind lieber genüsslich »Bonanza« oder »Flipper« geschaut hat, als sich den kreativen Nachmittagsangeboten der Mittelklasse zu widmen, weiß schließlich, welche Idiosynkrasien beim Anblick kreativer Straßenproteste geweckt werden können."
- Gottfried Oy, JungleWorld 22/2005


Quellenangaben:

[1] Autonome A.F.R.I.K.A.-Gruppe / Luther Blissett / Sonja Bruenzels (1994): Handbuch der Kommunikationsguerilla. Verlag Libertäre Assoziation / Schwarze Risse: Berlin
Mehr zum Konzept "Kommunikationsguerilla" auf der Webseite des "Handbuch der Kommunikationsguerilla"
http://www.contrast.org/KG/
Aktuellere Infos dazu gibt es allerdings hier http://kommunikationsguerilla.twoday.net/

[2] Angabe aus world daily net

[3] Wie Michael Moore ja gerne in Interviews betont, sieht er sich selbst als Patrioten- wie z.B. in einem Interview mit der BBC zu seinem Film Fahrenheit 9/11 hier

[4] www.conservativepunk.com

[5] Übernahme linker Codes durch extreme Rechte- dokumentiert im Antifaschistischen Infoblatt#63, Sommer 2004 hier


Abbildungen:

[1] Cover der 1. und 2. Auflage des Buches "Handbuch der Kommunikationsguerilla"

[2] Verfremdetes, ehemals "linkes" Motiv der "Communists for Kerry"


[3] "Protest Warriors" auf einer Anti-Kriegsdemonstration in NY



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