Ich hatte nie ein Kettcar.

Ich hatte nie ein Kettcar. Vermutlich war ich dazu die falsche Generation, meine Eltern wollten das damals nicht, ich war mit meinem Bobbycar zufrieden oder was auch immer. Ein Glück- denn zur Zielgruppe der Band "Kettcar", die mit diesem schäbigen Namen die in die Jahre gekommene Generation-was-auch-immer mit einem Anknüpfen an deren Kindheitserfahrungen ködern will, gehöre ich damit nicht. Gräßliche Musik von gräßlichen Leuten für gräßliche Leute und ich würde mich vermutlich nie mit dieser Band auseinandersetzen, hätten sie mich nicht schon in meiner Jugend unter dem Namen ...BUT ALIVE terrorisiert. Ich versuchte damals deren Musik zu mögen - vermutlich aus Anpassungsdruck heraus weil einfach jeder in meinem Umfeld die Band hörte - gelungen ist es mir aber nie. Die wimmernde Stimme von Sänger Markus Wiebusch und der dudelige, glattgeschliffene Sound waren mir immer so zuwider, dass ich die Band beim besten Willen nicht gut finden konnte. Eigentlich merkwürdig, denn irgendwann 1992 bekam ich einen Punksampler auf Tape in die Hände mit einem Lied einer Band namens "Die vom Himmel fielen". Das Lied "Gerechtigkeit" gefiel mir ganz gut in meiner schlimmsten Hippiephase als pubertierender Kiddiepunk. Jedenfalls benannte sich diese Band dann später in ...BUT ALIVE um und packte dieses Stück in einer um Längen schlechteren Version auf ihr erstes Album. Jeder fand die Band dann toll: "Hey, da machen welche Popmusik mit linksradikalen Texten." Eigentlich eine Formel, die hätte zünden können, doch dummerweise waren die meisten Texte politisch-korrekt-damit-auch-alle-das-gutfinden-deutscher-Gutmensch-Zeigefinger-heb-schlimm-schlimm. Wenn deutsche Linke versuchen sich künstlerisch zu betätigen- grausam, grausam. Gleichzeitig wurde angebliche Kritik an "Dogmatikern" geäußert. Großartig: genau die Leute, die eigentlich in den Texten besungen wurden standen auf der Bühne und im Publikum und fühlten sich in diesem Paradoxon auch noch wohl.
So wollte ich weder jemals sein noch werden, also hielt ich mich dann auch von der Band fern- die geistlose Weltschmerz-Musik tat ihr übriges.
Wenigstens wurden dann einige der lokalen Fans meines damaligen Wohnortes von ihrem Faible für ...BUT ALIVE kuriert, als diese auf einer Tour den lokalen Veranstaltern ohne konkreten Anlaß vorwarfen, sie abgezockt zu haben. Aber da war der Stern von ...BUT ALIVE in der linken Szene eh schon am sinken. Ich bekam dann nichts mehr mit von dem Elend (außer dem furchtbaren Sideprojekt RANTANPLAN )- bis ich von KETTCAR hörte und mir die Hackfresse von Wiebusch aus Polylux letzte Woche entgegengrinste. Alle "linken Thesen" von einst sind heute erledigt, man möchte nur noch einfach deutsche Popmusik machen. "Auch wenn der Trend um deutsche Bands vergeht, wir werden immer noch da sein" schallt es einem pathetisch entgegen. Nein, nicht etwa ein größenwahnsinniger Dikator, der die Welt glücklich machen will, sondern der Sänger von KETTCAR im Rentnerclub Polylux (wasauchimmer in diesem Magazin präsentiert wird- man kann davon ausgehen, dass es seit 5 Jahren vorbei ist und in der Sonner verrottet).
Dass Kettcar ihre Ideale verraten hätten durch den Majorlabel werfen ihnen enttäuschte Fans vor. Ich nicht, denn mir war schon immer klar, dass Wiebusch und seine Begleitautomatik einfach nur scheiße ist. Wer sich jetzt über KETTCAR´s Erfolg aufregt, hat die Funktionsweise der deutschen Gesellschaft nicht verstanden: Ein riesiges schwarzes Loch, dass alles in sein Zentrum ansaugt. KETTCAR sind nur die logische Konsequenz aus ...BUT ALIVE: Erst das Feld fruchtbar machen durch der Independent-Schiene und der Marktlücke Deutschrockpop, dann die Ernte mit KETTCAR einfahren. Nebeneffekt: deutschsprachige Musik wurde dadurch wieder hoffähig, wenn es "Linke" machen, kann es ja nicht bösartig sein. Das altbekannte Prinzip wie auch schon von Jockel Fischer und Konsorten bekannt: nur die Linke kann durch ihre vermeintliche moralische Integrität bestimmte Ziele durchsetzen und macht sich, wenn vermutlich auch unbewußt, zum nützlichen Idioten der deutschen Interessen. Wenn sich ehemalige Fans heute über die geforderte Deutschquote für Popmusik aufregen, so ist das mehr als schizophren: schließlich hat man selbst den Grundstein für den Hype um den neuen Teutonensound gelegt. Aber vermutlich sind etliche der ehemaligen Fans mit der Band gealtert und auf dem Level von KETTCAR angekommen – in der kuschligen Senilität von Attac und Grünen. Die eigenen Phrasen noch als "politisch" deklariert und man findet sicher ein paar Trottel, die die ganzen inhaltsleeren Wortabfälle immer noch für besonders clever halten.

lfo demon, Berlin 13.03.2005


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