Hausbesetzung
in Mannheim
Ich denke, dass folgender Bericht exemplarisch für andere Städte dienen kann. Die Hausbesetzung in Mannheim zeigt, dass selbstbestimmtes Leben überall möglich ist, selbst im erzkonservativen Baden-Württemberg. In Deutschland ist das Besetzen von Häusern um Längen schwieriger als in anderen Ländern- dennoch nicht unmöglich. Dies soll folgender Bericht der Ereignisse zeigen. Die letzte Hausbesetzung in Manneim liegt 10 Jahre zurück. 1993 wurde ein leerstehendes Areal im Stadteil Neckarstadt besetzt, um gegen Umstrukturierung zu protestieren. Diese Besetzung wurde schnell geräumt und heute steht ein Neubau mit Ladenzeile und teuren Wohnungen an gleicher Stelle. Im Stadtteil Jungbusch droht heute eine Verdrängung der dortigen Bewohner durch ähnliche Prestigeprojekte: es war an der Zeit, dass endlich mal wieder Aktionen stattfanden. Die Besetzung Am ersten Weihnachtsfeiertag 2003 wurde das ehemalige Gebäude einer Möbelspedition im Hafengebiet in Sichtweite zum Stadteil Jungbusch besetzt. Das Gebäude stand seit Monaten leer und hat dann aufgrund der Adresse „Verbindungskanal linkes Ufer“ auch den Namen „Linkes Ufer“ bekommen. Das Haus sollte als soziales Zentrum genutzt werden und mit der Besetzung sollte gegen steigende Mieten und Verdrängung aufmerksam gemacht werden. 2 Tage später wurde die Besetzung öffentlich
gemacht und eine Party im Haus veranstaltet mit DJs und Ragga, Ska und
Punk. Eine illustre Runde mit 100 Gästen und etlichen Kästen
alkoholischer Getränke. Nachts um 4 Uhr, als die Party sich gerade
dem Ende zuneigte, hatte die Polizei dann die Besetzung bemerkt. Seeeeehr
schnell, da die Besetzung schon morgens Zur Unterstützung der BesetzerInnnen und zum Bekanntmachen der Hintergründe der Besetzung gab es dann an den folgenden Tagen 2 Spontandemonstrationen: Jeweils ungefähr 100 Leute und eine vollkommen überforderte Polizei. Dabei konnten die Demos nach einiger Stresserei mit der Polizei doch noch bis zum Haus laufen und die Leute im Haus dann direkt mit Essen versorgen. Ebenso wurden Flugblätter an die AnwohnerInnen im Jungbusch verteilt. Die Räumung Die Räumung des Hauses war dennoch nur eine Frage der Zeit: Die Deutsche Bahn, Besitzerin des Gebäudes, hatte trotz Verhandlungen mit den BesetzerInnen Strafanzeige gestellt. Der Oberbürgermeister blies dann pflichtbewußt, wie schon 1993 bei der letzten Besetzung, den Marschbefehl zur Räumung. Dienstag morgen, den 30.12., um 8 Uhr wurde die Besetzung von 100 Polizisten beendet. Ein SEK Einsatzkommando landete abgeseilt von einem Hubschrauber auf dem Dach. Eine willkommene Chance für unsere Möchtegern-Paramilitärs sich in Szene zu setzen. Die ca.15 verbliebenen Leute aus dem Haus wurden verhaftet; kamen aber alle einige Stunden später wieder frei. Als besonderes Bonbon wurde das Haus dann von der Feuerwehr geflutet (!), die Fenster zerschlagen und Türen verschweisst, um es eine Neubesetzung zu verhindern. Berichterstattung Auf Indymedia wurden etlich Artikel aktuell
während der Besetzung geschrieben. Dies sorgte für eine Mobilisierung.
Ebenso liefen über das lokale freie Radio „Bermudafunk“ etliche Sondersendungen.
Fazit Die Besetzung dauerte insgesamt 5 Tage. Dass geräumt werden würde, war von Anfang an klar. Allerdings erwies sich der gewählte Zeitpunkt für die Besetzung (zwischen Weihnachten und Sylvester) als günstig- scheinbar waren die Verantwortlichen bei Stadt und Polizei im Urlaub, so dass die Behörden doch etliche Zeit brauchten um sich zu koordinieren und so die Räumung verzögert wurde. Dazu trug auch die spontane Organisation der Aktion bei: ohne übermässig lange Überlegungen und Planungen entschloss sich eine Gruppe von Menschen zu der Besetzung, so dass die Besetzung für alle sehr überraschend kam. Nach bekanntwerden der Besetzung wurde allerdings
massiv UnterstützerInnen mobilisiert. So kam es zu großen Solidaritätsbekundungen
für die Menschen im Haus. Während der Besetzung gingen viele
engagierte Leute auf die Straße für den Erhalt des Hauses.
Ebenso gab es Unterstützung und Solidaritätsaktionen von Leuten
aus anderen Städten. Für die Zukunft könnte es sinnvoll sein, wenn Leute genau die Prozesse der Verdrängung/ Aufwertung untersuchen. Sich mit AnwohnerInnen aus dem Jungbusch zusammenschliessen und gegen die Pläne von Quartiersmanagement und der Verwaltung zu protestieren. Weitere Berichte, Fotos, Radiosendungen und Videos von der Besetzung gibt es auf de.indymedia.org
Der Stadtteil Mannheim-Jungbusch ist ein
innenstadtnahes Viertel. Im Krieg weitgehend verschont geblieben (große
Teile der Mannheimer Innenstadt wurden damals weggebombt) gibt es hier
noch viele Altbauten im Jugendstil. Die Wohnsubstanz (zumindest nach Renovierung)
und Lage sind attraktiv. Die Aufwertung des Stadtteils hat schon begonnen:
Zum einen wurde ein Quartiersmanagement eingerichtet, zum anderen die
beiden Großprojekte Musikpark und Popakademie im Jungbusch angesiedelt.
Zurück zum Jungbusch: Dies alles lässt befürchten, dass
die Wohnhäuser nach und nach saniert werden, die Mieten auf Dauer
steigen werden und die jetzige Bevölkerung zugunsten einer neuen,
reicheren Klientel verdrängt wird. Von Seiten der Stadtverwaltung
ist das nur gewollt. Man möchte einen problematischen Stadtteil entsorgen:
Es wird argumentiert, dass sich in solchen Stadtteilen Armut konzentriert
und verfestigt. Dagegen lässt aber sagen, dass ein Quartier wie der
Jungbusch Resourcen für die BewohnerInnen bietet: soziale Kontake,
die gerade durch die räumlich Nähe entstehen. Leute auf der
Strasse treffen und sich unterhalten, Rat, Hilfe, Jobangebote finden.
Ob das in einer anonymen Wohnssiedlung am Stadtrand möglich ist,
ist fraglich. Dieser Prozess der Verdrängung nennt sich Gentrification: Die Verdrängung einer statusniedrigen Gruppe durch eine statushöhere Gruppe in einem Wohngebiet. Die reichen Bürger holen sich „ihre“ ehemaligen Stadtteile der Gründerzeit zurück. Dieses Phänomen wurde bereits in diversen stadtsoziologischen Studien untersucht und das erschreckende ist: Es findet vornehmlich in den Stadtteilen statt, die genau die Merkmale und die Ausgangssituation des Jungbusch aufweisen. LFO DEMON, Berlin 8.1.2004
|