Der Gelöbnix Fight Club
"Round One – fight!" Von linken Boxkämpfen und Podiumsdiskussionen

Eine Glosse über die Veranstaltung "Der 20. Juli und die deutsche Volksfrontgemeinschaft". Podiumsdiskussion im Rahmen der Gelöbnix-Proteste mit Hermann L. Gremliza (konkret), Kurt Pätzold (Historiker), Heinrich Fink (VVN-BdA), Frank Brendle (DFG-VK)
Im SO36 am 19.Juli 2005. Veranstalter: DFG-VK Berlin-Brandenburg und Bildungswerk für Friedensarbeit Berlin


Was manchmal auf linken Podiumsdiskussion geboten wird- unglaublich. Der Abend im SO36 übertraf wieder alle Erwartungen. Zwar wurde die Rolle der Attentäter um Stauffenberg 20.Juli 1944 diskutiert, statt allerdings zu einem Konsens zu kommen und dem Publikum zu vermitteln, warum es denn am 20.Juli auf die Straße gehen sollte, wurden linke Grabenkämpfe ausgetragen. Manchmal können diese auch notwendig sein- in diesem Fall waren sie ziemlich lächerlich und wohl am ehesten der Überdehnung der Egos einiger Podiumsteilnehmer geschuldet.

Die Diskussion wurde schon eingeleitet mit einer Rangelei im Publikum "Dann hau mir doch auf´s Maul, du Wichser". Ein Vorgeschmack auf den Verlauf des weiteren Abends: linke Selbstzerfleischung in Reinkultur.

Es war schon während des Eingangsplädoyers von Heinrich Fink (Vorsitzender VVN-BdA, ehemaliger PDS-Abgeordneter und Theologe) abzusehen, was passieren würde: dass er nämlich verbal ziemlich was auf die Mütze bekommen würde; u.a. für seinen Bezug auf ein "anderes, antifaschistisches Deutschland". Dazu kam seine enthusiastische Art, sich für die Rehabilitation von Deserteuren zu engagieren - eine idealere Angriffsfläche hätte er kaum abgeben können. Aus Sicht von Hermann L. Gremliza (Herausgeber "Konkret") und Frank Brendle (DFG-VK): hier strickt jemand am Mythos des "reingewaschenen" Deutschlands.
Und so kam es dann auch im folgenden: das Duo Brendle/ Gremliza schoss sich auf Fink ein und steigerte sich gegenseitig in ihren Attacken hoch. Dass dieser gegen das rethorische Schwergewicht Gremliza und die aggressiven Art von Brendle wenig Chancen haben würde, war abzusehen. Ich war nicht der einzige, der bald Mitleid mit ihm verspürte, was Brendle/ Gremliza scheinbar fremd war. Diese überboten sich in Sarkasmus und ätzendem Spott; sie hatten einen unterlegenen Sparringspartner gefunden, den sie nach Herzenslust verbal verprügeln konnten.
Dazu verstand Fink scheinbar nicht, warum er überhaupt so angegiftet wurde; er wirkte über weite Strecken naiv in seinem positiven Bezug auf die deutschen SpanienkämpferInnen und (internationale) WiderstandskämpferInnen im Vergleich zu der Kritik von Brendle/ Gremliza.

Der Inhalt der Kritik hatte ja seine Berechtigung. Dass ein positiver Bezug auf das "andere Deutschland" nicht unwidersprochen im Raum stehen bleiben sollte, gehört zu linken Selbstverständlichkeiten. Nur: einem alten Antifaschisten, der potentiell noch zu den fitteren gehört, mit so ätzender Kritik einzudecken, war unnötig und verfehlt. Man hätte den Unterschied zwischen "wir (Linken)" versus "wir (Deutschen)" auch anders vermittlen können, als auf diese unglaublich wadenbeißerische und selbstgerechte Art. Jeglicher solidarische Bezug und Respekt vor Finks Meinung wurde fallengelassen im Testosteronnebel von Brendle/ Gremliza und deren Kampf um die Lufthoheit über dem Podium.

Anstatt sich mit einer abweichenden Meinungen in einer Diskussion sachlich oder zumindest fair auseinanderzusetzen, wurde mit einer extremen Polemik draufgehauen.. Was sollte das bitte darstellen? Sarkasmus-Preisboxen? Wenn ich gute Ironie möchte, lese ich "Titanic" aber gehe auf keine Veranstaltung, bei der es darum geht "linke Politik" zu vermitteln. Falls Sinn und Zweck ist, möglichst aggressiv Parolen zu verbreiten: Deutschpunk gibt es schon. Und in Sachen Politkrawallklamauk: Die Jerry Springer-Show ist um Längen härter und unterhaltsamer.

Einen weiteren Negativrekord stellte dann wie üblich das Saalmikro auf, bei dem sich nahezu alle RednerInnen in geistiger Umnachtung und völlig themenfremden Beiträgen unterboten. Dass niemand dass Mikro abdreht wenn Aussagen wie "ich sammle hier Unterschriften für die APPD" fallen und Teile des Publikums noch applaudieren, ist schon bezeichnend für das Niveau. Dass es auf fast jeder Berliner Veranstaltung immer einige Psychos gibt, die scheinbar Spaß daran haben die restlichen 99 % der Anwesenden in Geiselhaft und mir auf ihre psychischen Irrfahrten zu nehmen.

Den Bock schoss dann noch Brendle ab mit seiner Aussage "früher waren noch mehr unterstützende Gruppen beim Gelöbnix dabei, heute versuchen die sich über die Attentäter des 20.Juli auch einzureihen im deutschen Mainstream". Aha, alle linken Gruppen, die nicht auf der eigenen Linie sind, streben also unaufhörlich in die deutsche Volksgemeinschaft. Oder anders: "Wenn Du nicht Teil der Lösung bist, bist Du... usw." Eine wesentlich simplere Erklärung könnte sein, dass niemand wirklich Lust hat mit einem arroganten Kotzbrocken wie dem DFG-VK –Vertreter zusammenzuarbeiten – und dazu noch auf einer Demo mit teils sehr obskuren Gruppen. Der Historiker Kurt Pätzold hatte im Schlußsatz auch noch eine Aussage getroffen, die Brendle nicht gefiel, worauf dieser wie ein beißwütiger Pinscher anfing diesen verbal zu attackieren.

Zum Schluß doch noch eine überraschende Wende: Gremliza wurde ziemlich in die Enge getrieben mit der simplen Diskussion um die Frage "was tun", angestossen von Fink und Pätzold. Hier zeigte sich die Achillesverse seines Ansatzes: zwar hat er ein mächtiges Kritikinstrumentarium, aber dummerweise nichts auf die Frage nach der Praxis zu erwidern. Seine Aussagen dazu waren so haarsträubend wie absurd. Sinngemäß: "Weil die Linke in Deutschland nichts zu melden hätte auf Jahre hinaus, müsse man einfach mal machtpolitisch die Realität anerkennen, und die Kräfte unterstützen, die potentielle Opfer von Deutschland beschützen könnten". Übersetzt in Handeln also: Maul halten, USA-Fähnchen schwenken, und immer schön "Konkret" kaufen. Kapitalismuskritik wird hier zu einer "Deutschland-"Verschwörungstheorie: nicht mehr der Kampf gegen den internationalen Kapitalismus wird zur Aufgabe, allenfalls ein Rückzugsgefecht zur Vermeidung von noch mehr Opfern Deutschlands. Verwunderlich, da seine Aussagen in der Konkret doch auch anders ausfallen. Ja, in Herrgottsnamen, Herr Gremliza, dann hören Sie doch bitte auf den Schmarrn als "links" zu bezeichnen. Nennen´s das Ganze doch bittschön "Bewegung zur Verhinderung Deutschlands", dann sind Mißverständnisse wenigstens ausgeschloßen.

Dass für Linke in Deutschland der Kampf gegen den eigenen Staat an erster Stelle stehen sollte - eine weitere Banalität. Nur wenn Deutschland als einziges und alleiniges Übel betrachtet wird, fangen oftmals sektiererische Positionen an, bei dem dann alle anderen Linken der Volksgemeinschaft (die man sich selbst zusammengebastelt hat) zugerechnet werden.
Dass ein anderes Verhältnis zu parlamentarischen Linken möglich ist, zeigt der offene Brief an die Linkspartei, der von linksradikalen Gruppen unterstützt wird mit dem Zweck emanzipatorische Inhalte dort zu verankern. Das hat nichts mit einem "Andienen" zu tun (wie beispielsweise ein Vorwurf in der Zeitung "Wildcat" lautete), sondern ist der Versuch jenseits vom Rückzug ins linke Getto auf diese Gruppen Einfluß zu nehmen. Ob es was bringt, ist eine andere Frage. Verblüffend nur, dass kurz nach der Abgabe des Briefes die WASG ein Papier zur "Beteiligungsorientierten Migrations- und Integrationspolitik" verfasst, dass eine offenere Migrationspolitik, Duldung von Illegalen, soziale Gleichstellung von Zugewanderten einfordert (FR 21.7.2005).

Aber stattdessen wurde sich von Gremliza relativ platte Kritik an der Linkspartei geübt (im gleichen Vokabular wie Gerhard Schröder "diese Seltsamen, da drüben"), da "deren Mitglieder ja nur auf einen Job schielten"während man selbst aus völlig hehren, idealistischen Gründen "31 Jahre lang die Zeitung "Konkret" herausgeben würde"; ansonsten hätte man ja keine andere Veranlassung dazu. Sehr witzig, Herr Gremliza.
Dass die Linkspartei keine besonders emanzipatorische Kraft ist, noch irgendjemand Hoffnung auf eine Umwälzung der Verhältnisse in einer Partei suchen sollte – wieviele Selbstverständlichkeiten müssen noch zur großen Sensation aufgebauscht werden? Nächstes Mal in der Konkret dann vielleicht: "Schockierende, neuartige Entdeckung: die Sonne scheint tagsüber!" Ja, wer hätte das vermutet. Schlimm, schlimm. Es scheint immer noch Leute zu geben, die sich an dem alten linken Spiel "Hau den Lukas...pardon: Reformisten" erfreuen können.

Warum diese Herren zusammen auf der Bühne saßen – ein offenes Rätsel für das Publikum. Sollte Sinn und Zweck der Veranstaltung " Reformisten-Bashing" gewesen sein: volle Punktzahl. Falls Sinn eine Mobilisierung und Information gegen/über das Gelöbnis der Bundeswehr am 20.Juli war: Null Punkte. Veranstaltungen wie diese laden dazu ein, sich so schnell wie möglich aus linken Kreisen zu verabschieden, da man nicht wie Teile des Publikums/ Podiums enden möchte: als egopathische Herrenrunde. Und dass Veranstaltungen wie die Gelöbnix-Demo überhaupt zu Stande kommen, grenzt an ein Wunder. Das nächste Mal bitte Sparringspartner in der gleichen Gewichtsklasse auf die Bühne setzen und das Saalmikro weglassen, danke.

lfo demon, Berlin 20.7.2005
überarbeitete Fassung v1.1 29.7.2005


BACK